Statement/Interview

Interview von Yasemin Yilmaz Fotos Matthias Hiller / STUDIO OINK

Wie sich junge Design- und Kreativbüros behaupten

Designbüros gibt es tausende. Für junge Kreative, die sich selbstständig machen, ist es erstmal nicht so einfach herauszustechen, sich mit ersten eigenen Ideen gegen namhafte Konkurrenz durchzusetzen und seine Handschrift zu entwickeln. Wie man es trotzdem schafft, ohne sich selbst zu verbiegen, erzählen Lea Korzeczek und Matthias Hiller von Studio Oink aus Leipzig.

Das junge Studio für Innenarchitektur und Design hat sich 2013 gegründet. Für beide war schnell klar, dass sie sich selbstständig machen und dass sie ihren eigenen Weg gehen wollen.

Wie kam es bei euch zu dem Schritt in die Selbstständigkeit?
Für uns beide war von vorneherein klar, dass wir unbedingt selbständig und damit auch selbstbestimmt arbeiten wollen. Der Schritt in die Selbständigkeit war aber nicht leicht und durch allerlei Hürden geprägt. Außerdem mussten wir uns vielen Zweiflern stellen und feststellen, dass der Beruf "Innenarchitekt" und "Designer" in Deutschland im "normalen" Alltag noch sehr unbekannt ist - gerade an öffentlichen Stellen. Heute sind wir sehr froh, dass wir immer auf uns und unsere Idee vertraut haben und unseren Weg gegangen sind.


Wie kann man sich gegenüber großen Büros behaupten bzw. worin unterscheidet ihr euch von denen?
Wie man sich behaupten kann? Darauf haben auch wir keine Antwort. Vielleicht einfach, indem man immer man selbst bleibt und am Ende des Tages sich und seiner Arbeit vertraut. Ich denke, mittlerweile haben wir eine gewisse eigene Handschrift entwickelt, die auch keinen Trends folgt. Sicherlich gestaltet man immer mit einem gewissen Zeitgeist, aber trotzdem sollte der eigene Charakter sichtbar bleiben. Das macht die Arbeit authentisch und ehrlich. Ich denke, das schätzen unsere Kunden und empfehlen uns deshalb weiter. Da wir aber keine gezielte Akquise betreiben, ist es oft, gerade in den Sommermonaten, spannend für uns, wie es weitergeht. Das muss man natürlich aushalten können.


Ihr habt euren Standort in Leipzig, hat das Einfluss auf eure Arbeit?
Im Grunde genommen erst einmal nicht. Wir arbeiten nach wie vor weltweit und auch bundesweit an unseren Projekten. Die Nähe zu Berlin ist natürlich praktisch. Was wir an Leipzig aber schätzen ist eine gewisse Freiheit in Raum und Geist. Wir können hier ganz für uns arbeiten und uns auch einen entsprechenden Arbeitsraum leisten. Das war in diesem Umfang in meiner Heimatstadt Wiesbaden nicht möglich. In Leipzig kann man sich ausprobieren und Dinge testen, ohne dafür bewertet zu werden. Außerdem sind die Straßen, Fassaden und auch manchmal die Häuser noch so leer, dass man seinen Geist frei entfalten kann, ohne permanent durch äußere Reize gestört oder beeinflusst zu werden.


Die Arbeit mit Räumen und das Thema Wohnen und Leben ist euer Beruf. Wie wichtig sind diese beiden Dinge in eurem privaten Alltag?
Sehr wichtig. Für uns ist es grundlegend in einem harmonischen und "ästhetischen" Umfeld zu leben. Unser uns umgebender Raum muss uns entsprechen und uns "halten". Er muss human sein. Ich habe hierzu gerade erst einen Vortrag an der Uni in Detmold gehalten. Unserer Meinung nach liegt der Grund für so viel Unzufriedenheit bei den Menschen ganz oft darin begründet, dass sie kein wirkliches "Zuhause" mehr besitzen. Keinen Ort, an dem sich sich geborgen und wohl fühlen und Kraft tanken können. Keine Heimat. Wir verbringen meist mehr Zeit auf der Arbeit als Zuhause. Wir sind Nomaden geworden - dies entspricht dem Großteil der Menschheit aber nicht. Wir brauchen einen Ort, an dem wir "sesshaft" sein können und der uns und unseren Familien ein wohliges Zuhause gibt.


Was zeichnet die Arbeit eines guten Innenarchitekt*in aus?
Genau das oben Beschriebene. Wir müssen begreifen, dass wir Räume nicht für irgendeinen Trend oder Hersteller einrichten. Es darf niemals um Profit gehen! Es muss uns immer bewusst sein, dass wir ein Umfeld für einen Menschen gestalten. Uns ist es ein absolutes Bedürfnis einen harmonischen Raum und eine geborgene Atmosphäre für andere zu gestalten. Ob nun privat oder im öffentlichen Raum. Die umgebenden Atmosphären dürfen niemals als "Wegwerfarchitektur" gesehen werden.


Auf eurer Seite steht Trend Forecasting als Tätigkeitsfeld. Was genau ist das und funktioniert es?
Es ist eine Analyse, die die Menschen betrifft. Es geht hier um das Verstehen und analysieren von Bedürfnissen und um das Herausarbeiten von Problemen, die uns im Alltag begegnen, und nicht darum, zu definieren, welche Farbe die nächste Saison angesagt sein wird. Es ist wichtig zu verstehen, wie sich die Gesellschaft "benimmt" und was die Probleme und Wünsche einer Generation sind. Natürlich lassen sich auch gewisse Farben und Materialien definieren, aber eben nicht als "Trend". Wir gehen nicht auf Messen und schauen, was gerade angesagt ist – so funktioniert das nicht. Das wäre eine sehr "platte" Definition des Themas.

Wie würdet ihr eure persönliche Formsprache bezeichnen? Welche Dinge inspirieren euch beim Entwurfsprozess?

Unsere Formensprache ist recht klar und hat aber doch immer etwas "Verspieltes" oder etwas, dass einem ein Lächeln entlockt. Hier sind die Details auch enorm wichtig. In den Details zeigt sich, ob der Architekt oder Innenarchitekt wirklich Freude an dem Projekt hatte. Inspirationen sind für uns überall. Im Alltag, bei Freunden, im Netz oder in Büchern und Magazinen. Ich habe mehrere Moodboards und Ordner, in denen ich alles abspeichere, was mich inspiriert. Der Entwurfsprozess läuft bei uns immer gleich ab. Wir beide sind hier involviert. Wir setzen uns gemeinsam an einen Tisch und diskutieren über unsere Ideen, machen erste Zeichnungen per Hand und gehen gedanklich und auf Papier gemeinsam durch die Räume, bzw. das Projekt. Im Anschluss versuche ich alles in einem "Mainmood" zu sammeln und so die Atmosphäre und den Charakter des Projektes sichtbar zu machen. Dieses Mainmood dient als Basis für die weitere Planung.


Welchen Tipp würdet ihr jungen Designer*Innen geben, die am Beginn ihrer Berufslaufbahn sind? Sollte man neben den technischen Skills auch bestimmte Fähigkeiten mitbringen?
Ein gesundes, nicht übertriebenes Selbstbewusstsein und viele viele Träume und Visionen. Vor allem aber ein Bauchgefühl, auf das man sich verlassen kann und viel viel viel Geduld.


Netzwerken ist aktuell in jeder Branche ein großes Thema, spielt es auch für eure Arbeit eine Rolle wen und wieviele Leute ihr kennt?
Wir kennen unsere Freunde und Bekannte. Oft bewegen diese sich auch in einem künstlerischen Umfeld. Oft aber auch nicht. Wir waren noch nie die großen "Small-talker" oder "Netzwerker". Unser Netzwerk hat sich immer zufällig und auf sehr authentische Art und Weise ergeben. Wir haben es nicht erzwungen oder sind deshalb auf besonders viele Veranstaltungen gegangen. Vieles ist in unserer Branche leider sehr oberflächlich und wir sind sehr dankbar und froh über unsere ehrlichen und echten Freundschaften und Kontakte.


Gibt es ein Projekt, dass euch besonders am Herzen liegt und wenn ja warum?
Unser eigenes kleines Sommerhäuschen. Das wird wohl auch die größte Herausforderung für uns, da wir uns hier auch ganz bewusst noch einmal selber analysieren und unsere Bedürfnisse erarbeiten. Aber wir müssen auch mit großer Achtung für die alte und sehr sinnvolle und humane Bauweise an das Projekt herangehen. Es ist spannend mit einem solchen "alten" Haus arbeiten zu dürfen.
Das Interview führte Yasemin Yilmaz.

Mehr über Studio Oink auf www.studiooink.de oder auf Instagram www.instagram.com/studiooink/


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