Statement/Interview

Vision 48 Stunden

VARIO hat die Vision 48 Stunden ausgerufen. Innerhalb von zwei Arbeitstagen soll aus einer rohen Spanplatte ein nach individuellen Kundenwünschen gestaltetes Möbel produziert werden. Diese Schnelligkeit ist nicht selbstverständlich in der Branche.

Seit einem Jahr berät uns Lignum Consulting bei der Neu-Organisation der Fertigung in Liederbach/Taunus. Mehr von Marc Wenzl, Senior Manager bei Lignum Consulting.
 

Sie beraten Unternehmen der Möbelbranche und der holzverarbeitenden Industrie. Im Moment ist viel die Rede von den Veränderungen des Marktes. Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Anforderungen, vor denen wir derzeit stehen?
Marc Wenzl: Wir befinden uns im Online-Zeitalter, und wenn wir uns die Produkte anschauen, dann geht es um hoch-individuelle Produkte, die per Klick bestellbar sein sollen und am nächsten Tag geliefert werden. Die Möbelindustrie steht vor der Herausforderung, das umzusetzen und tatsächlich so zu leisten. Im Vergleich zu anderen Händlern oder gar zu Amazon, die fertige Produkte auf Lager liegen haben und direkt an den Kunden verschicken, fangen wir nach der Bestellung bei Null an und müssen erst einmal produzieren. Da stehen ganz andere Bearbeitungszeiten und Lieferzeiten dahinter. Mit der Individualisierung sind uns aber auch ganz andere Möglichkeiten geschenkt. Beides muss die Möbelindustrie zusammen denken.

 

Für die Büromöbel-Hersteller kommen auch noch die sich wandelnden Arbeitswelten, veränderte Büroflächenplanung und die Digitalisierung dazu. Die Ansprüche ans Mobiliar verändern sich derzeit sehr.
Richtig, in dem Bereich hat sich in jüngster Zeit Vieles getan, und das Thema Digitalisierung und Arbeiten von zuhause hat im letzten halben Jahr nochmal einen ganz anderen Schub bekommen. Da verändern sich gerade die Dinge. Im Büro ist der Schreibtisch mittlerweile das prägende Element. Die Nachfrage nach Stauraum sinkt, die Beimöbel werden aber dennoch gebraucht, um Räume zu gliedern. So zum Beispiel große Flächen in Großraumbüros, die in verschiedene Zonen eingeteilt werden.

 

Die Pandemie hat die Diskussion um die Veränderung des Büros neu zum Thema gemacht. Wie schätzen Sie die Situation ein? Was wird sich dadurch konkret verändern?
Das ist eine gute Frage. Mit Sicherheit wird das Thema reisen und sich im Unternehmen treffen weiterhin eher zurückgefahren, parallel wird es möglich gemacht, dass die Mitarbeiter mehr von zu Hause arbeiten können als vor der Corona-Krise. Es wird einfach die Anzahl der Tage oder der Anteil der Präsenz im Unternehmen verändert. Es geht darum, dass man Räume schafft, in denen die Mitarbeiter dann gemeinsam so agieren können wie es ein Projekt oder die grundsätzlich Zusammenarbeit erfordert.

 

Was heißt das in Hinblick auf den ganzen Prozess der Möbelherstellung von der Bestellung bis zur Auslieferung?
Man muss zwei Bereiche sehen. Das eine ist, die Aufträge zu klären - was der Vertrieb tatsächlich auch überall macht. Welche und wie viele Möglichkeiten gibt man den Kunden, zum Beispiel einen Schrank oder einen Schreibtisch zu konfigurieren. Welche verschiedenen Materialstärken, Farben und Formen bietet man an. Das Gestell kann verstellbar oder nicht verstellbar sein und so weiter. Konfigurationsmöglichkeiten sind für den Kunden unendlich viele da. Aber es geht darum, diese Aufträge so zu klären, dass man den Kundenwunsch in Daten abbildet. Der nächste Schritt ist, diesen Auftrag umzusetzen, dass aus einem Auftrag tatsächlich auch ein Möbel entsteht. Die internen Prozesse müssen sehr schnell und sehr sehr effizient ablaufen, um die Lieferzeiten und die Durchlaufzeit gering zu halten. Die Konfiguratoren, die man für die Kunden bereitstellt, müssen all diese Möglichkeiten und Wünsche abbilden. Auf der anderen Seite muss man schauen, wer sein Produkt denn wirklich konfigurieren will in aller Individualität. Es gibt auch die Kunden, die sagen, macht mir an dieser Stelle mal einen Vorschlag. Die Möbelindustrie muss beides können: online-Konfigurationen und auf der anderen Seite auch persönliche Ansprache und Beratung.


Ist das schon der Punkt, an dem Sie konkret einhaken, beraten und Hilfestellung leisten?
Wir sind ein Beratungsunternehmen und Ingenieurbüro für die Holz- und Möbelbranche. Unser Schwerpunkt liegt darauf, dass wir Unternehmen unterstützen, hauptsächlich im technischen, organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Bereich. Wir betrachten alle Abläufe im Unternehmen vom eingehenden Auftrag bis zur Anlieferung beim Kunden. Dazu gehen wir in die Unternehmen, schauen uns den Produktionsprozess und die Abläufe vor Ort an und optimieren mit den Mitarbeitern in den Prozessen.
 

(Bilder: Umbauarbeiten im Juli 2020 im Werk in Liederbach / Taunus)


Was sind derzeitige Optimierungen und spezielle Maßnahmen?
Momentan spricht jeder von Industrie 4.0 und Digitalisierung. Ob man den Begriff strapazieren möchte oder nicht, sei mal dahingestellt, aber es ist definitiv so, dass wir uns momentan in einer Evolutions-Phase befinden, wo wir bestehende Möglichkeiten zusammenbringen müssen. Es gibt Maschinen und Anlagentechnik, die sehr sehr flexibel ist, denn man will nicht große Mengen einer gleichen Sorte herzustellen, sondern kleine Mengen vieler unterschiedlicher Produkte. Bei Industrie 4.0 denkt jeder sofort an Software und Technik. Aber es geht darum, organisatorisch das Ganze so zu entwickeln, dass das Zusammenspiel untereinander funktioniert und dass man den Grad von Automatisierung und Digitalisierung erreicht, den ich für meine Produkte brauche. Es kommt wirklich darauf an: habe ich ein relativ einfaches Produkt oder ein Produkt, das sehr, sehr individuell kombinierbar ist, wie es zum Beispiel bei VARIO der Fall ist. Und bei allem darf man nicht vergessen, dass es immer noch Menschen sind, die das Ganze betreiben und die die Prozesse definieren. Ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, zu schauen, dass die Mitarbeiter einbezogen werden und sie ihre Arbeitsabläufe auch selber mitgestalten können. Es gibt natürlich auch reine Planungsprojekte, bei der wir zum Beispiel eine neue Fabrik planen. Aber wenn wir gerade auf VARIO schauen: da machen wir sehr viel zusammen mit den Mitarbeitern, gerade mit denen aus der Produktion. Wir stellen zum Beispiel das Ziel, dass wir mehr unterschiedliche Produkte auf einem Montageband fertigen, und dann nehmen wir die Mitarbeiter mit und fragen, was das bedeutet und was dafür alles geändert werden sollte.

 

Das klingt nach einer im Grunde sehr haptischen Arbeit. Man geht konzeptionell vor, aber dann organisiert man am Ende die Technik in der Fertigungshalle um?
Natürlich gibt es auch mal größere Eingriffe, bei denen man ganze Bereiche oder Montagelinie in ihrer Lokalität verändert, das haben wir im Juli bei VARIO tatsächlich auch gemacht. Den Standort vom Tisch- und vom Container-Montageband haben wir quasi getauscht, weil wir uns diverse Vorteile davon versprechen. Es kann aber auch anders ablaufen, etwa, weil ein Produkt größere Menge macht und man sich fragt, wie kann man das besser organisieren? Wir sagen dazu auch: wie kann man Verschwendung eliminieren.

 

VARIO hat die Vision 48 Stunden für sich ausgerufen und möchte sich in die Lage versetzen, innerhalb von zwei Arbeitstagen aus der rohen Spanplatte ein Möbel zu produzieren. An einem Tag soll die Vorfertigung für die Bauteile erfolgen, am nächsten Tag die Endmontage.
Genau, und wir haben dafür den roten Faden entwickelt. Vor einem Jahr haben wir angefangen, den ganzen Prozess zu durchdenken und uns dieser Vision zu nähern. In der Vorfertigung war es zum Beispiel so, dass immer eine ganze Woche zusammengefasst wurde. Alle Bauteile wurden gesammelt, gefertigt, und in die Endmontage gebracht. 6.000 Bauteile für eine Woche muss man aber erst einmal sortieren und handhaben, das ist schon eine gewisse Herausforderung. Wir haben das jetzt neu aufgeteilt in zwei und drei Tage, haben die Häppchen also schon mal kleiner gemacht, um dahin zu kommen, nur noch einen Tag zusammenzufassen. Damit verbunden sind viele kleine Maßnahmen und Details. In der Endmontage heißt es entsprechend auch, flexibler zu werden.


Sie haben Tochterunternehmen in Brasilien und den USA und beraten in unterschiedlichen Ländern. Sind die Probleme und das Wissen um die Veränderungen der Produktionsprozesse weltweit gültig?
Prinzipiell ja, aber es gibt natürlich gewisse Markt-Spezifika. Wir haben Standorte in Brasilien und den USA. In den USA hat man durch die weiten Entfernungen eine Struktur von Produzenten und auch andere Art und Weisen, wie die Auslieferung abläuft. In Australien wiederum gibt es zum Beispiel keine Küchen, die aufgebaut zum Kunden gefahren werden. Sie werden alle zerlegt, weil es sonst ein enormes Volumen wäre. Aber der grundsätzliche Ablauf innerhalb einer Möbel Produktion ist weltweit doch ziemlich ähnlich.
 

MARC WENZL ist Senior Manager bei Lignum Consulting. Seit 2008 berät er Unternehmen im In- und Ausland bei der nachhaltigen Verbesserung ihrer Prozesse. Zusätzlich lehrt er als Gastdozent an der Hochschule in Biel.

 

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