Statement/Interview

"Planung nicht grundsätzlich auf Abstand, sondern auf Flexibilität"

Die Arbeitswelt wird sich durch Corona verändern. Davon ist derzeit viel die Rede. Aber wie genau? Wird das Büro als Begegnungsstätte wirklich soviel wichtiger? Feiert das Einzelbüro sein Comeback? Viele Fragen sind derzeit offen. In loser Folge sprechen wir mit Experten über die neuere Entwicklung. Den Auftakt macht Johanna Dumitru, Innenarchitektin und Büroplanerin, die vor vier Jahren ihre eigene Beratung thinc – thinking in context in München gründete und sagt: "Es wird auch zukünftig nicht grundsätzlich auf Abstand geplant, sondern auf Flexibilität."

Frau Dumitru, drei Monate nach dem Lockdown kehren die Mitarbeiter jetzt nach und nach aus dem Homeoffice in die Unternehmen zurück, und es ist gleichzeitig viel die Rede davon, dass Corona den Veränderungen der Arbeitswelt einen Schub gibt. Was beobachten Sie, was setzt sich bei den Unternehmen durch die neue Situation in Gang?
Durch Corona liegt Neues in der Luft, die Meinung teile ich. Aber es ist noch nicht richtig absehbar, was sich ändert und es liegen dazu auch noch keine konkreten Ergebnisse, oder Studien vor. Die meisten Unternehmen sind noch beschäftigt mit dem Ist-Zustand, mit Homeoffice oder damit, Screens zwischen den Arbeitsplätzen aufzubauen, um die momentanen Hygieneregeln einzuhalten. Es gibt Annahmen, auch von den Architekturbüros, aber es gibt noch nicht wirklich belastbare Aussagen, wo die Reise hingeht. Was ich schon glaube ist, dass der ursprüngliche Trend zu mobileren und vielfältigeren Arbeitswelten verstärkt wird. Gerade die mittelständischen Unternehmen, die ich oft berate, waren bisher skeptisch, wurden nun ins kalte Wasser geworfen, und jetzt weiß man, dass flexibles Arbeiten geht. Ich bin überzeugt, dass das Veränderung produziert. Vielleicht nicht sofort, aber so in einem Jahr, im Moment brauchen alle noch Zeit und haben mit anderen Dingen zu tun. Aber der Trend, den es schon gab, verstärkt sich. Einiges wird mit Sicherheit auch einen Dämpfer bekommen, das Thema Desk-Sharing etwa. Wenn ich Desk-Sharing mache, habe ich in der Hygiene mehr Herausforderungen. Mitarbeiter fühlen sich sicherer, wenn sie über einen eigenen Arbeitsplatz verfügen.

 

Wenn man jetzt neu darüber nachdenkt, wie Menschen im Büro zusammen kommen, welche Räume stehen dann besonders im Fokus?
Die jetzigen Büros, wie man sie kennt, sind nicht auf Distanz angelegt, deshalb sind im Grunde alle Räume zu überdenken. Wobei wir in Deutschland definitiv anders aufgestellt sind als in den USA oder Großbritannien. Dort ist die Diskussion noch einmal eine andere, weil man viel dichter sitzt. Wenn es um mittel- und langfristige Veränderungen geht und nicht nur um die nächsten Wochen, werden Unternehmen es sich aber nicht leisten können, doppelt so viel Fläche zu verbrauchen und die Arbeitsplätze grundsätzlich auf Abstand zu planen. Der Schlüssel ist, Flexibilität von vornherein in Planungen zu berücksichtigen. Es wird sich vielleicht auch von den Layouts her verändern, man wird keine Vierer-Benches mehr aufbauen, an denen die Mitarbeiter sich anschauen, sondern eher versetzt statt nebeneinander sitzen, das wäre zum Beispiel ein ganz konkreter Ansatz. Oder man wird sich bei Begegnungs- und Knotenpunkten überlegen wie man diese neu plant und wie man diese Wege anders gestaltet. Insgesamt wird aber nicht grundsätzlich auf Abstand geplant, sondern auf Flexibilität.

 

Eine derzeitige Annahme ist, dass mehr im Homeoffice gearbeitet wird und dass Büros ganz allgemein als Begegnungsstätte wichtiger werden. Wenn man schon ins Büro kommt, dann soll es dort Interaktion geben.
Ich bin bei der Annahme, dass mehr im Homeoffice gearbeitet wird, noch sehr vorsichtig. Wenn die Umfragen sagen, dass die Mehrheit der Mitarbeiter in Zukunft mehr im Homeoffice arbeiten möchte, dann sprechen wir von ein oder zwei Tagen pro Woche, mehr nicht. Die Diskussion läuft in die falsche Richtung, wenn jetzt teilweise gesagt wird, dass man sich Einzelarbeitsplätze im Büro sparen kann. Im Gegenteil gibt es auch Umfragen, die sagen, dass die Mitarbeiter gerne zurück ins Büro wollen. Was sicher zunehmen wird, ist das anteilige mobile Arbeiten. Aber auch da müssten die Unternehmen Hilfestellung leisten, die Arbeitsplätze zuhause vernünftig zu gestalten. Man muss aber auch wirklich genau auf die Branchen schauen. Wer in der sogenannten Wissensarbeit unterwegs ist, wird vermutlich wirklich mehr zuhause arbeiten. Dann wird das Büro hauptsächlich für die Gemeinschaftsarbeit da sein, in anderen Branchen läuft es auf eine Mischung hinaus. In beiden Fällen werden Kommunikationsräume auf jeden Fall ein ganz wichtiger Punkt sein. Man kann seine Arbeit aber selten komplett tageweise in ruhig oder gemeinschaftsorientiert einteilen. Es braucht also im Büro immer auch Rückzugs- und Konzentrationsorte, braucht dort Vielfalt und Flexibilität.

 

Das klingt, als würde die Bedeutung der Besprechungsräume wachsen?
Die Bedeutung dieser Räume war auch vor Corona sehr groß angesichts der Entwicklung zu stark vernetzten Arbeitsweisen. In den jüngeren Projekten haben wir immer großes Augenmerk drauf gelegt, dass es mehr Begegnungs-Bereiche und mehr informelle Team-Meeting-Zonen gibt. Das wird sich weiter verstärken und fortsetzen.

 

Was bedeutet das zukünftig für Konferenz- und Teamräume? Auf welche Form des Austauschs wird man dort abzielen im Gegensatz zu anderen Gemeinschaftsräumen?
Klassische Konferenzräume werden weniger relevant sein, weil wir durch online-Meetings festgestellt haben, dass es auch anders geht. Klassische formelle Besprechung mit Agenda und Co. lassen sich auch gut virtuell abhalten. Wenn man schon zusammen kommt, dann sind das eher aktuellere und flexiblere Formen von Zusammenarbeit und Besprechungen. In solchen Fällen können Räume mit flexiblerer Möblierung eine Workshop-Zusammenarbeit ermöglichen. Was wird noch wichtig? Als konkretes Beispiel habe ich gerade ein Projekt für ein eher traditionelles Unternehmen, in dem wir Anfang des Jahres informelle Teamzonen geplant haben, eben nicht mehr die althergebrachtenBesprechungsräume mit großer Tischanlage, sondern einzelne Zonen nah bei den Arbeitsplätzen. Jetzt mit Corona werden alle Zonen und Räume mit digitaler Präsentationstechnik ausgestattet, damit man in Zukunft auch in diesen Zonen flexibel Videokonferenzen abhalten kann. Es wird zukünftig ganz sicher mehr hybride Meetings geben. Zwei oder drei Personen sitzen real zusammen, und zwei, drei Mitarbeiter schalten sich remote dazu.


Die Integration von Videotechnik oder Medienstelen wird wichtiger bei der Planung der Konferenzräume?
Videotechnik ist wichtig, darüber hinaus brauchen Konferenzräume neue innovative Technik, die gemeinsames Arbeiten ohne Medienbrüche ermöglicht. Mittlerweile gibt es ein großes Angebot an innovativen Technologien. Digitale Whiteboards, die von mehreren gemeinsam beschriftbar sind zum Beispiel, mehrere Nutzer können sich einloggen und das Board nutzen. Alle multifunktionalen Medien-Elemente, die die analoge mit der digitalen Meeting-Welt verbinden, sind jetzt sehr wichtig.

 

Nach dem Corona-Lockdown tasten sich alle gerade an mehr Freiheit heran, andererseits bleibt ein Sicherheitsbedürfnis. Im Arbeitsleben braucht es Interaktion, zumindest für bestimmte Aufgaben. Wie bringt man in Team- und Konferenz-Räumen diese unterschiedlichen Bedürfnisse zusammen?
Das ist ein breites Spannungsfeld, weil die Menschen da sehr unterschiedlich ticken. Wenn ich Abschirmungen baue, konterkariert das natürlich die Idee der Nähe und Zusammenarbeit. Man muss verschiedene Szenarien unterscheiden, und wenn irgendwann Impfungen oder Medikamente zur Verfügung stehen, werden die Räume wieder "normal" genutzt. Wenn neue Gefahr in Verzug ist, nutzen wieder weniger Menschen gleichzeitig die Räume wie im Moment. Und dann hängt es natürlich wirklich vom individuellen Verhalten ab und den kann ein Raum nur begrenzt beeinflussen. Räume sollen Nutzer nicht einschränken oder gängeln. Natürlich braucht es aber von Unternehmensleitungen klare Aussagen und verpflichtende Regeln, damit sich die Gemeinschaft darauf berufen kann. Der Raum kann leisten, dass er durch die Anzahl der Nutzer mehr oder weniger Platz bietet, dass die Möbel flexibel sind jenseits der klassischen Tischanlage. Einzelne Lounge-Sessel bieten durch die Aufstellung im Raum schon Platz, da muss man dann dafür sorgen, dass die Atmosphäre noch passt und nicht das Gefühl entsteht, ich sitze jetzt hier in der Wartehalle. Lounge-Sessel oder große runde oder sechseckige Tisch-Formen schaffen zum Beispiel Gemeinschaftsgefühl und ermöglichen trotzdem größere Abstände. An einem runden Tisch fällt es nicht so sehr auf, wenn man nur zur dritt und nicht zu sechst sitzt. Das sind so Details, mit denen man das ganze unterstützen kann.

 

Wie schafft man in den Räumen angenehme Atmosphäre, auch wenn sie weiter, größer und vielleicht auch leerer und kälter werden?
Wenn die Räume größer und luftiger werden, ist die Gestaltung umso wichtiger, um sich wohlzufühlen. Sonst kann man gleich ein Web-Meeting machen. Atmosphäre entsteht natürlich durch Farben, Formen, die Materialien, die das Gesamtbild erzeugen. Im Moment gibts natürlich auch eine Diskussion über leicht desinfizierbare Materialien, die nicht unbedingt eine Ausgeburt an Atmosphäre sind. Atmosphäre lebt von der Mischung aus Kontrasten und Harmonie, wenn alles einheitlich gestaltet ist, wird es langweilig. Das gilt für Farben, die Oberflächen und die Haptik. Pflanzen sind ein Riesen-Thema und gut fürs Raumklima. Alles Mittel, mit denen Raumgestalter schon immer arbeiteten, die aber auch oft nicht ausreichend genutzt werden in Unternehmen sei es aus Kostengründen, Pflegeleichtigkeit oder weil man nichts verkehrt machen will. Speziell in Besprechungsräumen sind die Wände oft kahl und weiß, man hat nur das „funktional nötige“ wie Monitor und Whiteboard oder Flipchart an der Wand. Da es sich um sehr große, raumbestimmende Flächen handelt, sind aber die Wände und Fensterflächen sehr wichtig. Ich hoffe, dass wir jetzt eine bessere Argumentationsbasis haben und der Ästhetik mehr Stellenwert beigemessen wird. Die Mittel, mit denen man diese Ästhetik schafft, sind jedenfalls seit Jahrtausenden bekannt.

JOHANNA DUMITRU, Innenarchitektin und Spezialistin für innovative Büro-Gesamtplanungen. Vor vier Jahren gründete sie ihr eigenes Planungsbüro thinc – thinking in context in München, zuvor war sie geschäftsführende Gesellschafterin bei Designfunktion in München.
 

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