Blick hinter die Kulissen

Interview mit Gestalter Klaus Michel Fotos Martin Patze

"Während des Losrennens lernt man das Laufen"

Der VARIO Design Competition "inpired by space" ist frisch gestartet, Einsendeschluss bis 1. Juni. Zur Zeit legt zwar Covid 19 das Leben lahm, aber danach werden wir schnell und viel mit Innovationen aufholen. Und den Grundstein legen wir jetzt. Der Wettbewerb richtet sich an StudentInnen, die auch in Teams teilnehmen können. Denn über die Distanz gemeinsam etwas zu entwickeln, ist das Interessante an der jetzigen Situation.

Klaus Michel, langjähriger Gestalter bei VARIO und Professor für Innenarchitektur in Halle, hat den Wettbewerb initiiert, der nach 2018 und 2019 zum dritten Mal stattfindet. Mehr darüber, welche Möbellösungen für kreatives Arbeiten derzeit der Stand ist und was sich der Wettbewerb wünscht, im Interview.

 

Nach Erweiterungen fürs M1 Stapelboxsystem und Arbeiten 2025 lautet der Aufruf jetzt "Inspired by space". Gesucht sind Möbel und Lösungen, die gegenseitigen Austausch und gemeinsames Arbeiten fördern. Das klingt nach einer offeneren Aufgabenstellung als zuvor?
Klaus Michel: Der erste Wettbewerb war schon objektgebunden, aber letztendlich auch offen. Man konnte das ganze ironisch nehmen, zerlegen und zerbröseln, was auch immer. Eigentlich geht es bei einer Aufgabe für Studenten immer darum, ein möglichst enges Nadelöhr zu haben, durch das man durch muss. Heißt, selbst wenn die Aufgabe eng formuliert ist, geht die Welt hinter dem Nadelöhr erst richtig auf. Dann wird etwas ganz anderes geliefert als man dachte. Und das ist das Gute. Insofern klingt es, als ob es offener wäre, aber eigentlich liefert die Aufgabenstellung schon einen konkreten Hinweis, um was es gehen soll, damit die Studenten auch schnell anfangen können.

 

Das Nadelöhr sind Möbel für gemeinsames Arbeiten?
Ja, genau. Das Thema entspricht auch der Situation der Studenten, die nicht im stillen Kämmerlein sitzen, sondern im Seminarraum zu mehreren und im Team arbeiten. Sie sind es gewohnt. Es gibt Sofas, Stehtische, Pinboards sowieso. Hochschulen sind nicht so schnell wie manche Start-ups oder Institute, aber auf einem materiell niedrigerem Level arbeiten sie genauso.

 

Was ist der derzeitige Stand bei der Ausstattung für produktives, kreatives und gemeinsames Arbeiten?
Im Augenblick werden Arbeiten in immer kleinere Arbeitsschritte zerlegt, bis sie irgendwann komplett durch Maschinen zu lösen sind. Im neusten Bürogebäude der Allianz zum Beispiel gibt es nur noch Gemeinschaftsräume, Arenen und Cafés. Einzelzimmer existieren so nicht mehr, weil man im Büro ist, um gemeinsam neue Produkte oder Lösungen zu finden. Und das ist jetzt nicht ein hyperkreatives Start-up, sondern Mitarbeiter sind in dem Gebäude mit der Arbeit in einer Versicherung beschäftigt. Das beschreibt ganz gut den Stand, auf dem wir uns befinden.

 

Bis wohin kann man das weiterdenken?
Wir tragen jetzt alle ein Taschentelefon mit uns, von dem wir nie dachten, was es alles kann. Was die Welt wiederum in zehn Jahren revolutioniert, ist ja noch gar nicht erfunden. Das kommt gerade erst und wie das dann die Büro-Arbeitswelt revolutioniert, das weiß ich auch noch nicht. Vermutlich wird es immer weniger Objekt sein, ist also weniger ein Ding, das real ist und mit dem man sich permanent umgibt. Vermutlich werden wir uns auch in zehn Jahren tot lachen über so einiges, was wir heute noch unabdingbar halten fürs Arbeiten. Der Beamer oder große Monitore, die heute schon für wenig Geld verschleudert werden, stehen spätestens dann im Museum. Aber wo es wirklich hingeht? Es wird sicher mehr Austausch und Entwicklung von Ideen geben. Jack Ma, der Gründer von Alibaba hat eine Hochschule gegründet. Die Studenten lernen Musik, Malen und emotionale Fächer. Also alles Themen, bei denen man sich fragt, ob er jetzt spinnt. Aber Ma sagt, den Rest erledigen eh die Maschinen und was uns Menschen unterscheidet von den Rechnern ist Empathie, ist unser Empfinden für Form und Schönheit, und dorthin geht es für uns Menschen. Das hat jetzt mit der Frage nicht soviel zu tun. Wo geht es hin? Es geht hin zu mehr Weniger.

 

Alle erleben in diesen Tagen kollektiv, dass man permanent konferiert, spricht, telefoniert, seine Arbeit selber organisiert. Wie gehen die Studenten mit der Situation um?
Wie haben vergangene Woche erstmals mit den Studenten über Zoom konferiert und Kontakt aufgenommen. Man merkt, dass sie verunsichert sind. Am 20. April soll das Semester starten, aber wo, wie und was, darüber sind alle unsicher. Ein Nullsemester ist für Studenten irritierend. Wer schon länger arbeitet, für den ist ein halbes Jahr eine überschaubare Zeit und stürzt einen nicht so sehr in die Krise. Die Studis sind einer ganz anderen Lebenslage und am Anfang ihres Berufslebens. Wer einen Job, Kinder und Familie hat, verkraftet die Situation vielleicht besser.

 

VARIO hat sich entschieden, den Wettbewerb durchzuführen, hat ihn auch etwas vorgezogen. Wie kann man die Zeit jetzt nutzen?
Wir haben den Wettbewerb früher als gedacht gestartet, da sich die Aufgabe in idealer Weise in der augenblicklichen Krisensituation "spielen lässt". Wir sind alle räumlich getrennt, wollen aber etwas zusammen machen. In Zukunft werden die Teams noch internationaler und weiter auseinander sein. MVDRV haben untersucht wie groß Städte früher maximal waren. Eine Stunde war dabei nach ihrer Erkenntnis die maximale Zeitspanne um von A nach B zu kommen. Erst waren es also zu Fuß 5 Kilometer, dann 15 Kilometer mit dem Fahrrad, 60 Kilometer mit dem Auto und heute mit dem ICE könnten es 300 Kilometer sein. Insofern werden Teams immer weiter auseinander sitzen und gemeinsam über Kontinente und Zeitzonen hinweg am Bildschirm arbeiten. Mit der Situation kann man jetzt super spielen, weil man sich durch das Versammlungsverbot nicht sehen darf.

In der Wettbewerbs-Ausschreibung steht auch, dass man gerne im Teams arbeiten kann. Die Teams müssen auch nicht alle aus der Gestaltung sein, sondern gerne auch aus Natur-, Geistes- oder Kulturwissenschaften. Dass man zusammen über eine Distanz etwas entwickelt, finde ich schon interessant.

 

Für die Professoren ist es auch über Nacht gekommen, dass sie sich mit den Studenten auf Zoom treffen.
Ja, auch für sie. Für alle ist es gerade so: Man rennt los, und während des Losrennens lernt man das Laufen, kommt dabei auch ins Stolpern, aber das ist halt so, das war schon immer so.

 

Wer wird in der Jury sitzen und wie wird der Wettbewerb weiter ablaufen?
In der Jury sind als Lehrende Bernd Benninghoff von der Hochschule Mainz, Nicolai Neubert aus Dessau und ich dabei. Dazu Petra Stammer, Kerstin Vollmer und Marianne Eck, alles Architektinnen und Innenarchitektinnen und Geschäftsführer Anton Flechtner. Der Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung, Anton Flechtner ist bei VARIO für die Produktentwicklung zuständig. VARIO sucht wirklich nach neuen Produkten mit dem Wettbewerb. Ob wir uns als Jury im Juni real treffen oder digital konferieren, werden wir sehen. Wir machen an der Hochschule in Halle gerade die Aufnahmeprüfung online. Normalerweise sind das sieben bis acht Kollegen, die auf die Aufgaben schauen, die gelöst werden. Erst dachte ich, dass wir alles abblasen müssen, aber nun zeigt sich, dass es online auch geht und die paar Probleme, die wir augenblicklich haben, werden wir auch noch lösen.

 

KLAUS MICHEL, Jahrgang 1963, ist Designer und Professor an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Innenarchitektur, Furniture and Interior Design. Für VARIO entwarf er verschiedene Tisch-, Schrank- und Wandsysteme.

Mehr zur Ausschreibung: Einsendeschluss ist der 1. Juni 2020. Die Jury trifft sich am 20. Juni. Im August werden die Siegerentwürfe in der Musterwerkstatt umgesetzt. Die Preisverleihung findet im September am Bauhaus Dessau statt.

Mehr zu den Siegerentwürfen des Wettbewerbs 2018 und 2019

 

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