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Fotos Screenshot aus "Das Dilemma mit den neuen Medien"

Techlash und die Kritik an digitalen Technologien

Mit der Corona-Krise schien die Kritik leiser geworden zu sein an den Big Techs, den Skandalen um Desinformation, Hass-Postings oder Nutzer-Manipulation. Der Dokumentarfilm "Das Dilemma mit den sozialen Medien", der auf Netflix läuft, greift nun die Kritik prominenter Silicon-Valley-Aussteiger neu auf.

Jaron Lanier war einer der Ersten, der sich zum Big-Tech-Rebellen entwickelte und die Technologie radikal kritisierte, die er ursprünglich miterfunden hat. Als Informatiker entwickelte er 3D- und VR-Anwendungen, verließ aber seine eigene Firma 1992 im Alter von dreißig Jahren. Seitdem warnt er immer wieder, dass das Internet in nahezu alle Bereiche des Lebens vordringt und gegen die Übermacht der großen Technologie-Unternehmen nur das Account-Löschen und Abschalten hilft.

 

Auch Lanier kommt in dem neuen Dokumentarfilm „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ zu Wort, der seit vergangene Woche auf Netflix läuft. Wie die digitalen Tools das Leben bereichern, davon ist darin zwar auch die Rede, aber nur kurz. Der Film dreht sich um die Risiken und Nebenwirkungen: Social media macht süchtig, die Algorithmen manipulieren und nie gab es so viel Überwachung wie heute und so wenig Datenschutz und Privatsphäre.

 

Der Film will aufrütteln. Regisseur Jeff Orlowski drehte früher Dokumentarfilme über die Klimakrise, schmelzende Gletscher und zerstörte Korallenriffe. Sein Film über die Schattenseiten der Technologie-Entwicklung trägt sehr dick auf. Fakten mischen sich mit der halbfiktionalen Erzählung einer amerikanischen Familie mit zwei Kindern im Teenager-Alter, die lehrbuchhaft an ihren Smartphones hängen und willenlos den Manipulationen der Tech-Konzerne ausgeliefert sind.


Das Sehenswerte des Films sind die prominenten Silicon-Valley-Aussteiger, die in Interviews zu Wort kommen, Kritik üben und Lösungen und Reform-Möglichkeiten einfordern: darunter Jaron Lanier, Roger McNamara und als derzeit prominentester Tristan Harris, der nach seinem Ausstieg bei Google im Jahr 2015 die Vereine "Time well spent" und das "Center for Humane Technology" gründete. Harris erzählt im Film ausführlich, wie er am Stanford Technology Lab erlernte, wie man Technik überzeugungsfähiger macht und damit auch manipulativer. Schon das ist hochinformativ, lässt es einen doch das eigene Verhalten hinterfragen.
 

Für Veränderung setzt sich Harris seit Jahren ein, appelliert seitdem immer wieder, dass sich die Social media Plattformen zu wirklich sozialen Lebensräumen der Menschheit entwickeln sollen. Getan hat sich allerdings wenig, da ist der Film ehrlich. Die Tech-Kritiker malen ihre Zukunftsversion im ein oder anderen Fall allzu blumig aus. Aber genau dieses Gemisch macht klar, dass auf die Debatte der vergangenen Jahre der regulative Techlash folgen muss.

 

Die Corona-Krise streift der Film nur am Rande, entstanden die meisten Interviews bereits vor März diesen Jahres. Und doch scheint es jetzt der Moment zu sein, der die Debatte um die Regulierung der Technologiebranche eher ankurbelt. In der Corona-Krise haben sich Lieferdienste, digitale Tools oder social media als unverzichtbar erwiesen. Der Glaube, dass die digitalen Entwicklung die Welt ein Stück besser macht, hat sie lange vor öffentlicher und politischer Kontrolle geschützt. Die Debatte ist bereits neu entfacht, ob die Zeit nun reif ist, eine Plattform wie Facebook wie ein öffentliches Versorgungsunternehmen zu behandeln, das unverzichtbar ist und deshalb stärker kontrolliert werden muss.

 

"Das Dilemma mit den sozialen Medien", Regie: Jeff Orlowski, USA 2020, 134 Minuten, auf Netflix

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