Grundlagen/Wissen

Fotos Nadine Stenzel

Acker statt Aka: Die GemüseAckerdemie

Urban Gardening und Farming-Projekte gibt es viele. Die GemüseAckerdemie widmet sich der Wissensvermittlung für Kinder und Heranwachsende. Im Zentrum steht der Gemüseanbau. Jetzt im November ist der Großteil der Ernte eingeholt. Mehr von Johannes Wockenfuß, zuständig für besondere Projekte bei der GemüseAckerdemie.

Das Projekt, mit Hauptsitz in Berlin, agiert seit 2014 bundesweit mit mittlerweile 160 festen Mitarbeiter:innen und 400 Garten-Expert:innen. Ziel ist es, mit dem Programm den Gemüseanbau und das Funktionieren der Natur nahe zu bringen. Mehr als 100 000 Kinder haben bislang teilgenommen. In diesem Jahr allein 600 Schulen und 260 Kitas aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Wir haben Anfang November. Wo befinden wir uns damit jahreszeitlich im Kalender der GemüseAckerdemie?
Johannes Wockenfuß: Die Haupterntezeit ist natürlich der Sommer. Wir pflanzen ab Mitte April an. Einige Wochen danach ist das erste Gemüse schon reif und dann wird es immer mehr. Auf den Äckern selbst steht nicht mehr viel. Palmkohl und andere Kohlarten gibt es noch, die man den Winter über ernten kann. Oder Spinat, den wir nachträglich ausgesät haben. Aber es stimmt schon, dass wir uns jetzt in der Zeit nach der Vegetationsperiode ist mit globalen Themen beschäftigen können, wie zum Beispiel mit den Themen Flächen-Fußabdruck, Saisonalität, Regionalität. Und an vielen Lernorten führen wir gerade die Saisonabschluss-gespräche. Wenn man jetzt keine Tomaten mehr ernten kann, aber es im Supermarkt noch welche gibt, kann man mit den Kindern auch darüber Gespräche führen.

Bedeutet der Name GemüseAckerdemie, dass es hauptsächlich um Gemüse geht?
Es geht ausschließlich um Gemüse, genau. Der Gemüse-Anbau ist unsere Methode um die Wertschätzung für Natur und Lebensmittel zu vermitteln. Das Naturerlebnis lässt sich beim Obstanbau viel schlechter vermitteln, denn ein Apfelbaum benötigt viele Jahre, bis er Früchte trägt. Wir haben fast ausschließlich einjährige Kulturen, und es ist für für Kinder ganz einfach, Gemüse wie Radieschen anzubaun - aber nicht hochkomplizierte Sorten wie Chicorée oder Spargel.

Die GemüseAckerdemie ist ein Bildungsprogramm, das Theorie und Praxis das Gemüse-Anbaus vermittelt. An wen richtet sich das Programm?
Wir haben unterschiedliche Programme, die GemüseAckerdemie richtet sich an Schulen. Das Programm AckerRacker, bei dem wir mit Kitas eigentlich das gleiche machen, arbeitet mit anderem Bildungsmaterial und einem etwas anderen pädagogischen Ansatz. Ackerpause richtet sich an Unternehmen, unter dem Motto Gemüse säen, Teamgeist ernten. Dann gibt es auch noch ein Programm, um alte Gemüsesorten wieder in den Mainstream zu bringen. Aber das bekannteste und erfolgreichste Programm ist die GemüseAckerdemie.

Acker hört sich ziemlich groß an und professionell. Wenn ich als Schule Interesse habe, welche Fläche braucht man dann? Welche Mindestanforderungen müssen grundsätzlich erfüllt werden?
Wichtig zu wissen ist, dass jede Lehrkraft unabhängig vom Kenntnisstand teilnehmen kann. Unsere fachlich geschulten Ansprechpartner vermitteln den Lehrer:innen das nötige Wissen über das Gemüse, wie man pflanzt, wässert oder richtig erntet. Wir planen die Saison ab Frühjahr, besuchen die Schule persönlich, schauen uns an, wie der Schul-Acker angelegt werden kann. Jede Schule hat einen gesetzlich vorgeschriebenen Außenbereich. Und in der Regel gibt es immer irgendwo einen Schotterplatz oder ein Stück Rasen, sei es neben der Turnhalle oder eine Anpflanzung mit Dornenbüschen, wo man die Sträucher entfernen und einen Acker anlegen kann. Ganz häufig nehmen wir die Stücke an einem Zaun, irgendwo an den Randseiten des Schulgeländes. Es sind eher die Flächen, die am Anfang wenig Beachtung finden, die dann umfunktioniert werden. Bisher haben wir noch bei fast allen Lernorten eine Lösung gefunden.

Welchen Stand haben denn Schüler oder Kindergartenkinder heute, bevor sie an dem Programm teilnehmen? Schwindet das Wissen, gerade in den Städten?
Das Wissen schwindet in Stadt und Land gleichermaßen. Landkinder sind häufig in einem natürlichen Kontext zu Hause. Allerdings sind die landwirtschaftlichen Betriebe mittlerweile so gestaltet, dass man als Kind da auch nicht mehr einfach reinschauen kann. Die Verbindung über die Eltern fehlt auch auf dem Land,denn heute arbeitet überhaupt nur noch ein Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Unsere Erfahrung ist, dass die Kinder eine ganz eigene kindliche Begeisterung entwickeln, sobald sie merken, hier wächst etwas. Du legst eine Kartoffel in die Erde und am Anfang rechnet niemand damit, dass daraus etwas wächst.

(Vom Anpflanzen zum Ernten: Bilder aus der Saison 2021 der GemüseAckerdemie, Foto: Nadine Stenzel)


Aber sobald die ersten Blätter sprießen, beginnt eine Fürsorge und Verantwortungsübernahme. Und spätestens dann, wenn die Kinder die Kartoffeln auch ernten und merken, da sind mit einmal sechs Kartoffeln, entwickelt sich eine wahnsinnige Begeisterung. Und wenn man sie dann auch zubereiten und essen kann, ist das Erlebnis geschaffen, um das es uns geht. Dazu gehört auch, dass auch Schädlinge wie der Kartoffelkäfer oder Schnecken das Gemüse fressen wollen. Wie geht man damit um? Oder es regnet auf dem Acker, ist nass und feucht. Das alles zu erfahren, macht etwas mit den Kindern. Viele Lehrkräfte berichten, dass die Kinder im Schulgarten ihre sozialen Kompetenzen ganz anders ausleben und sich dort verändern.

Acker e. V., beziehungsweise die GemüseAckerdemie, hat ihren Sitz in Berlin, auf dem Gelände einer ehemaligen Malzfabrik. Wird dort auch angebaut?
Ja, klar, es gibt hier den Show-Acker. Das war tatsächlich auch eine Brachfläche zwischen einer Werkstatt und einem Gewächshaus, wo vorher überhaupt keine Nutzung stattfand. Wir haben sie umfunktioniert und bauen dort im fünften Jahr Gemüse an.


Johannes Wockenfuß, ist Entrepreneur in Residence bei der GemüseAckerdemie und kümmert sich um die Entwicklung von Pilot-Programmen wie beispielsweise der Campus Ackerdemie, die zukünftigen Lehrkräften bereits während des Studiums das Schulgärtnern beibringen will. Mehr über die GemüseAckerdemie: www.acker.co/gemueseackerdemie

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