Blick hinter die Kulissen

Interview von Melina Hau Fotos von Martin Patze / Henrik Bettels

Henrik Bettels über die neue Sitz-Modul-Landschaft STAY

Die Art der Arbeit, die Tätigkeiten und die Orte, an denen man arbeitet, verändern sich durch die Digitalisierung rasant. Die neue Sitz-Modul-Landschaft STAY bietet eine von vielen Antworten dazu: wohnlich, raum-bildend, werkzeuglos veränderbar, nutzerorientiert – das sind wichtige Eigenschaften des Systems.

Prototypen waren im vergangenen Oktober im Bauhaus Dessau zu sehen. Henrik Bettels und der langjährige VARIO-Gestalter Klaus Michel haben das neue Möbelprogramm zusammen entwickelt. STAY kommt nun im Spätsommer in den Handel. Innenarchitektin Melina Hau sprach mit dem Designer Henrik Bettels über das neue Systemmöbel, über digitale Arbeitswelten und Gestaltungsprozesse in Covid19 Zeiten.
 

Gemeinsam mit Klaus Michel hast du das Systemmöbel STAY entworfen, das im Herbst diesen Jahres auf den Markt kommt. Wie lautete eure Aufgabenstellung?
Grundsätzlich ging es darum, eine Antwort auf die neuen Arbeitsprozesse und Bürostrukturen zu finden. Denn die Entwicklung geht weg vom festen Desktop Arbeitsplatz und den starren Strukturen. Moderne Büros und Open Spaces bieten Möglichkeiten zu informellen, spontanen Treffen, aber eben auch zu zurückgezogenem Arbeiten. Möbel sollten darauf reagieren und flexible Lösungen bieten.

Und wie können diese Lösungen aussehen?
Möbel können als Micro-Architekturen funktionieren und einen Raum strukturieren. STAY beispielsweise besteht aus Sitz-, Tisch-, und Wandmodulen. Die Sitzmodule können beliebig erweitert werden und schaffen Möglichkeiten für verschiedene Gruppengrößen. In Kombination mit den Trennwand-Elementen können Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten geschaffen werden. Besonders wichtig sind aber auch die Details. Beispielsweise Stromzufuhr, Ablageflächen und praktische Haken für Kleidung. Bei STAY kann durch eine integrierte Steckdose Strom über Bodentanks bezogen werden. So wird flexibles Arbeiten mit Notebooks einfacher.

Die von dir beschriebene Arbeitswelt gibt es ja schon in Form von Open Spaces und Co-Working Spaces. Was sind denn deiner Meinung die unausgereiften Seiten von diesen Arbeitsstrukturen?
Problematisch ist immer das Thema Akustik. Wenn Büros umgebaut werden gibt es meist ein aufwendiges Akustikkonzept, welches größere bauliche Maßnahmen erfordert. Das funktioniert aber nur auf Kosten der Flexibilität und ist außerdem teuer. Mit Möbeln kann man da schon viel bewirken. Mit den richtigen Materialien können auch große Räume behaglich werden, ohne ein großzügiges Raumgefühl zu verlieren. Wir haben uns für einen Wollfilz von Camira entschieden. Der hat nicht nur akustisch gute Eigenschaften, sondern ist zusätzlich sehr robust.

STAY bietet also auch eine Antwort auf die rasante, durch Covid19 noch verstärkte, Digitalisierung in der Arbeitswelt. Wie hat der Umstieg auf digitale Medien deinen Arbeitsalltag und die Entwurfsprozesse verändert?
Nachhaltig kann ich das noch nicht genau beantworten. Natürlich sind Meetings jetzt entweder verlegt worden oder finden via Zoom statt. Das Digitale ist im Prozess ergebnisorientierter, aber eben auch sehr beschränkt. Termine müssen fest vereinbart werden, Gespräche vorbereitet werden und dann werden Folien durchgeklickt. Das stellt für uns eine neue Herausforderung dar, da Spontanität, Zufälle und das face-to-face Gespräche Teil unseres Arbeiten sind.

Wie war denn dieser Prozess bei STAY?
Das Projekt wurde ja gemeinsam mit Klaus Michel umgesetzt und Klaus hat einen immensen Erfahrungsschatz im Bereich Office Möbel und natürlich bei VARIO. Es gab viele Dinge, die bei der Gestaltung berücksichtigt werden mussten. Beispielsweise bei der Polsterung war die Frage, ob die Arbeitsschritte notwendig sind die Polsterung fest zu verkleben oder ob sie abnehmbar ist. Wir haben immer wieder Ideen verworfen, damit es einfacher und noch einfacher wird. Am Ende haben wir uns dafür entschieden, dass die Polster abnehmbar sind. Stark beanspruchte Teile können so einfacher ausgetauscht oder gewaschen werden. Dabei geht es schließlich auch um Nachhaltigkeit und Qualität.
 


Beim Thema Qualität geht es ja um einen besonderen Mehrwert. Welcher ist das für dich bei STAY?
Für mich persönlich bietet ein einfacher Auf- und Abbau den größten Mehrwert. Bei STAY sind alle Verbindungen einfach zu handhaben. Man benötigt für den Aufbau weder Werkzeug noch handwerkliche Kenntnisse. Durch das einfache System kann der Nutzer die Möbel so oft er möchte umbauen, verschieben und erweitern. Und man spart sich Zeit und den Monteur.

Aktuell läuft ja der Designwettbewerb von Vario. Hast du jemals teilgenommen?
Nein, als ich meinen Abschluss gemacht habe gab es den Wettbewerb noch gar nicht. Aber ich finde es toll, dass man jungen Gestaltern diese Möglichkeit gibt. Schließlich profitiert VARIO auch von den Entwürfen und Ideen. Jemand mit Anfang 20 steht vielleicht vor anderen Problemen und entwickelt daraus andere Lösungen als jemand, der schon lange in dem Bereich arbeitet und viel Erfahrung hat. Und so bekommen angehende Designer die Möglichkeit, Möbel im Sortiment zu etablieren.
 

HENRIK BETTELS hat an der Burg Giebichenstein in Halle Industriedesign und Furniture and Interior Design studiert. 2015 gründete er gemeinsam mit Sofia Löser das Designstudio Löserbettels.
 

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