Grundlagen/Wissen

Fotos Entwurf "Akori" beim VARIO Design Competition

Die neue hybride Präsenzkultur

Die Arbeitswelt wird sich durch Corona verändern. Aber wie genau? In loser Folge sammeln wir Hintergrundwissen zu der Frage. Diesmal: Die verschärften Corona-Maßnahmen werden über den November andauern, und in dieser Woche war auf vielen Kanälen die Rede von den Auswirkungen auf zukünftiges Arbeiten, von hybrider Präsenzkultur mit mehr Vertrauen und weniger Kontrolle der Arbeitnehmer. Eine kleine Presse- und Info-Rundschau von Simone Kaempf.

Nachdem Millionen Arbeitnehmer im März über Nacht ins Homeoffice umziehen mussten kam der Durchbruch: nämlich die Erkenntnis, dass Mitarbeiter auch ohne direkte Kontrolle durch den Arbeitgeber produktiv sind. Allerdings ist das nur der erste Schritt. "Es braucht mehr als nur Homeoffice, um eine vom Primat der Präsenzkultur geprägte Arbeitswelt in etwas wirklich Neues zu verwandeln", heißt es von Kienbaum Consulting, die vergangene Woche ein "Manifest für die Arbeitswelt von morgen" veröffentlichten samt Aufruf zu mehr Mut, sich den Herausforderungen der wandelnden Arbeitskultur zu stellen – was bleibt einem auch übrig. Zentrale Botschaften für das, was sich in Bewegung gesetzt hat: Hybride Arbeitsformen bekommen einen völlig neuen Stellenwert, das "WIE" und das "WIR" werden wichtiger als das "WO", Ermöglichung statt maskulin dominierter Command-and-Control-Prinzipien, mehr individuelle Führungskultur.

 

Wie veränderte Arbeits- und Lebenskultur schon jetzt konkret aussieht, hat die Süddeutsche Zeitung (18.11.2020) im Nachklapp des SZ-Wirtschaftsgipfels erfragt: bei Rolf Buch, Vorstandschef des Wohnungskonzerns Vonovia, Sternekoch und Gastronom Tim Raue und Stefan Schulte, Leiter des Frankfurter Flughafenkonzerns Fraport. Drei Chefs geben Antwort, Tenor unter anderem: "In drei, vier Jahren werde es vielleicht 20 bis 30 Prozent weniger Geschäftsreisen geben als vor der Pandemie, weil man innerhalb eines Unternehmens auch gut per Video-Konferenz reden könne. Doch Unternehmer müssen auch raus in die Welt. Sie müssen Märkte erschließen und neue Kunden gewinnen, und das klappe nun einmal am besten im persönlichen Gespräch", so Stefan Schulte. Hier der Link zu den kompletten Antworten, was sich gerade verändert.
 

Virtuelle und physische Räume zusammenbringen
Für den Trendforscher Franz Kühmayer ist klar wie für viele gerade, dass das Büro in der aktuellen Form so nicht bleiben wird. Aber er argumentiert nicht von der Perspektive des Einzel- versus Großraumbüros, sondern überlegt wie sich virtuelle und physische Räume verschmelzen lassen, das sei das eigentliche Thema der zukünftigen Büro-Gestaltung, sagt Kühmayer im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten (17.11.2020). "Die größte Herausforderung sind hybride Arbeitssituationen, bei denen einige Mitarbeiter vor Ort im Büro sind, andere mobil oder im Homeoffice." Entscheidend für die Entwicklung: ob die Lust an Weiterentwicklung größer ist als die Sehnsucht nach dem alten Normalzustand.
 

(Bild: Entwurf "Perfect Silhouette" von Maren Englisch, mobiler Hintergrund für Videokonferenzen, Sonderpreis beim VARIO Design Competition "Inspired by Space")


Und der Wandel ist auch Thema bei den Öffentlich-rechtlichen. Derzeit läuft die ARD-Themenwoche (15. bis 21.11.2020) "Wie wollen wir leben", in der es auch um die Zukunft der Arbeitswelt geht. In einem empfehlenswerten Radiobeitrag auf mdr kommt dazu auch Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart zu Wort und fasst nochmal kompetent zusammen, wie sie als Arbeitswissenschaftlerin über die Situation denkt und was in Bewegung gekommen ist.


Mehr:
Kienbaum veröffentlicht Manifest für die Arbeitswelt von morgen, vom 11. November 2020

Reise ins Ungewisse, Süddeutsche Zeitung vom 18. November 2020

"Wir haben gelernt, neu zu arbeiten", Interview mit Franz Kühmayer in den Stuttgarter Nachrichten vom 17. November 2020

Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus?, mdr vom 19. November 2020

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