Grundlagen/Wissen

von Yasemin Yilmaz Fotos Yasemin Yilmaz

Homestay in japanischen Familien: Wie man mit Tatami, Washitsu und Sento lebt

Wie das Leben und die Wohnkultur in japanischen Häusern aussieht, hat Yasemin Yilmaz, Studentin der Innenarchitektur in Halle, bis Mitte März in Tokio erlebt. Klassische Schiebefenster, Tatamis, also Reisstrohmatten, Futons oder Blumengestecke gehören in Japan auch heute noch zur Inneneinrichtung.

Während meiner sechs Monate in Japan habe ich einige Teile des Landes bereisen können. Neben den verschiedenen Landschaften, merkt man auch wie sich die Mentalität verändert. Bewegt man sich von Tokio weg sind die Menschen beispielsweise zunehmend entspannter. Über das alltägliche Leben lernte ich in zwei Homestays am meisten. In zwei verschiedenen Regionen hatte ich die Möglichkeit das Familienleben hautnah mitzuerleben.

 

Die ersten Erfahrungen sammelte ich bei einer Familie in der Präfektur Iwate, nördlich von Tokio, die 2011 stark von dem großen Tsunami betroffen war. Die Region ist sehr ländlich und nah am Meer gelegen. Meine Gasteltern, ein junges Paar mit zweijähriger Tochter und dem nächsten Kind unterwegs, ist vor kurzem aus Tokio hierher gezogen. Beide sind Stadtplaner und wollen ihr Leben nun hier gestalten, sich aktiv beim Aufbau der Infrastruktur beteiligen. Das alte Haus, indem sie leben, sei eigentlich viel zu groß. Es war aber so günstig, dass sie es schließlich doch genommen haben.

Zum Kennenzulernen haben wir erstmal alle gemeinsam das Abendessen vorbereitet. Es ist Winter und überall sehr kalt in der Wohnung. Nur direkt neben dem Air Conditioner, der im Sommer zur Kühlung dient und im Winter als Heizung funktioniert, ist es einigermaßen warm. Alle Zutaten sind ganz frisch und kommen direkt aus der Region. Aus Walnüssen machen wir eine Paste, die später mit Mochi (Reiskuchen) gegessen wird. Das Abendessen findet in einem der vielen Tatami-Räume statt. Ganz klassisch wird hier an einem niedrigen Holztisch am Boden gegessen. Man zieht zuvor die Hausschuhe aus, um den empfindlichen Boden nicht zu beschädigen.

Am Boden sitzend werden nun die vielen verschiedenen Speisen geteilt. An dem flachen Tisch kommt man sich schnell näher und die Gespräche nehmen bald eine persönliche Note an. So erfährt man schon noch wenigen Stunden wie das junge Paar sich kennengelernt hatte und dass die meisten Gegenstände im Haus noch vom Vorbesitzer stammen. Abendessen dieser Art finden in der Regel mit Alkohol statt. Anders als bei uns bekommt nicht jeder sein eigenes Bier. Jede Flasche wird fair auf die einzelnen Gläser aufgeteilt und erst wenn eine leer ist, wird die nächste geöffnet.

 

Wir sind drei Gäste im Haus. In einem Washitsu (traditionell gestalteten Raum), welcher klassisch mit Tatami (Reisstrohmatten) ausgestattet ist, ist diese Anzahl an Gästen leicht zu bewältigen. Der Raum ist leer und versteckt in seinen Einbauschränken Futons und Decken, die am Abend als Betten auf dem Boden errichtet werden können. Für spontanen Besuch ist diese traditionelle Nutzung des Raumes wirklich praktisch, aber besonders komfortabel ist es auf Dauer nicht. Ich kenne keinen Japaner, der heutzutage langfristig auf einem Futon schläft. In Hostels ist es eine beliebte Methode, um viele Leute in einem Zimmer unterzubringen. Da wir einige Gäste im Haus sind, wird zum Duschen nicht das Badezimmer verwendet, sondern ein naheliegendes Onsen. Ein öffentliches Badehaus, wo in natürlichen heißen Quellen gebadet wird. Definitiv eine Sache, die ich sehr vermissen werde.

 

Bei der anderen Familie, die ich kennenlernen durfte, habe ich gleich zehn Tage verbracht. Ganz im Norden von Hokkaido liegt das kleine Städtchen Mombetsu, das für sein gefrorenes Meer bekannt ist. Anders als bei meiner vorherigen Familie sind die Hausherren um die 60 und leben in einem modernen Haus mit Fußbodenheizung. Wie bei allen japanischen Häusern betrifft man das Haus durch einen Eingangsbereich, in dem die Straßenschuhe verstaut werden und auf Hausschuhe gewechselt wird. Dieser Ort ist immer mit einer symbolischen Schwelle markiert. Was mir hier sogleich gefallen hatte, war die Begrüßung mit einem japanischen Blumengesteck. Ikebana ist die Kunst des Blumen Arrangierens und soll die natürliche Schönheit der Natur untermalen. Oft steht diese Dekoration zur Begrüßung am Eingang oder an besonders repräsentativen Orten eines Hauses. Da meine Gastmutter Ikebana-Lehrerin ist, kam ich sogar selbst in den Genuss, die hohe Technik des Blumen arrangierens mal auszuprobieren.

Im Gegensatz zur ersten Gastfamilie hat das neue Einfamilienhaus deutlich mehr Komfort. Da wir uns aber im Norden befinden, wo es im Winter gerne mal minus 20 Grad und kälter wird, gibt es neben der Fußbodenheizung noch Gasöfen, welche die Räume beheizen. Am ersten Tag fiel mir noch nicht auf wie heiß diese eigentlich sind. Ich hatte unvorsichtig mein Handtuch darüber gelegt, was sogleich in Flammen aufging und mit einer morgendlichen Löschaktion verbunden war. Später viel mir auf, dass der Ofen im Wohnzimmer auch dafür genutzt wird, um Tee warmzuhalten.

 

Die Räume sind einfach und quadratisch geschnitten und gehen fließend ineinander über. Kochen, wohnen und essen findet in einem Raum statt. Hier läuft eigentlich immer der Fernseher, unabhängig davon, was zu sehen ist. Im Auto übrigens auch, nicht nur bei meiner Gastfamilie. In Mombetsu hat mich die Herzlichkeit der Menschen wirklich überrascht. Warmherzig und offen wurden wir hier zur Begrüßung gleich in den Arm genommen und auch sonst waren die Kommunikation sehr aktiv. Dabei gab es kein Abendessen ohne Bier und Wein. Dabei tranken immer nur wir mit unserer Gastmutter. Der Gastvater setzte lieber aus. Als er noch im Büro gearbeitet hatte, musste er nahezu jeden Abend mit seinen Kollegen etwas trinken gehen. Als Rentner sei er heute froh, dieser Verpflichtung nicht mehr nachgehen zu müssen. 

Obwohl das Haus modernen Standards entspricht, finden sich klassische japanische Elemente wieder. So ist jedes Fenster ein Schiebefenster, es gibt ein Zimmer mit Tatami und das Badezimmer ist wie in einem Onsen oder Sento gehalten. Der Waschraum ist fensterlos und hat eine Badewanne, die mit heißem Wasser gefüllt ist. Dieses wird abgedeckt, um es warm zu halten, da es abends von allen Familienmitgliedern genutzt wird. Zuvor setzt man sich auf einen kleinen Hocker vor einen Spiegel neben die Wanne und wäscht sich wie gewohnt mit Shampoo und Seife. Erst wenn man komplett sauber ist, darf bei warmen Wasser entspannt werden. Diese Art sich zu waschen hat einen rituellen Charakter und wird in der Regel eher abends abgehalten, da morgens die Zeit doch eher knapp ist.

 

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