Grundlagen/Wissen

von Simone Kaempf Fotos ma_rish

Debatte übers Homeoffice

Mit den Lockerungen kehrt so mancher derzeit wieder aus dem Büro ins Home Office zurück, oder doch nicht? Schließlich sind wir binnen Wochen zu Homeoffice Profis geworden, die beweisen, dass die Arbeit von zuhause aus hocheffektiv sein kann. Mehr zum Stand der Debatte.

Einer aktuellen Umfrage nach arbeiteten im April 35 Prozent der ArbeitnehmerInnen vollständig oder teilweise im Homeoffice, gab das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung am Mittwoch bekannt. Das sind knapp zwei Drittel mehr als vor der Corona-Krise. Ausgeschöpft ist das Homeoffice-Potential trotz Lockdown aber immer noch nicht, denn das wurde vom DIW vor dreieinhalb Jahren bereits auf 40 Prozent geschätzt.

Es geht also noch etwas. Die arbeitsrechtlichen Fragen bleiben jedoch weiter offen, auch die, wie man seine Arbeit von zuhause gut und effektiv organisiert. In der aktuellen DIW-Befragung gab die Hälfte der Befragten an, dass sich ihre Arbeitsproduktivität nicht verändert habe. Bei rund 40 Prozent ist sie nach eigener Einschätzung aber gesunken, zehn Prozent sagte, dass sich ihre Produktivität erhöht habe.

Die neue kollektive Homeoffice-Erfahrung lautet: Calls sind ebenso effektiv wie Meetings, das Wegfallen des Pendelns spart Lebenszeit, die Umwelt wird weniger belastet, man arbeitet mit weniger Ablenkung und durchaus produktiv. Zumindest eben bei der einen Hälfte derjenigen, die vom Homeoffice aus statt im Unternehmen arbeitet.

Privileg für alle
Es steht also eigentlich fifty-fifty, den Gegnern des Homeoffice gehen allerdings gerade die Argumente aus. Was vor kurzem noch ein Privileg war, möglicherweise auch als Ausscheren beäugt wurde, soll nun fest etabliert werden. Arbeitsminister Hubertus Heil will bis Herbst ein Gesetz für ein Recht auf Homeoffice vorlegen. Immerhin soll es darin keinen Zwang zum Arbeiten zuhause geben, aber gesetzliche Regeln, um die Trennung von Privat- und Arbeitsleben zu gewährleisten oder Inhalte der Arbeitsstättenverordnung zu übertragen. So, wie es also schon länger diskutiert wird. Und wie es jetzt auch mehr Beschäftigte wollen: 68 Prozent wünschen sich jetzt eine Lockerung der Regelungen und flexible Homeoffice-Optionen, so die repräsentative Studie "Veränderung der Arbeitswelt durch Corona" des IT-Sicherheitsherstellers ESET.

Mobiles Arbeiten wird sich nach der Corona-Krise fest etablieren, das scheint Konsens. Oder wie Thomas Ogilvie, Personalchef der Deutschen Post, jüngst im Interview sagte: "Das starre Präsenzmodell hat sich überlebt, es geht um eine bedarfsgerechte Anwesenheit. Wichtig ist, dass es zu den Erfordernissen des jeweiligen Jobprofils und der gesamten Abteilung passt." Jetzt, wo man in Rekordtempo und unter Live-Bedingungen das mobile Arbeiten erlernt hat, wird man es so schnell auch nicht wieder aufgeben.

Schattenseiten
Die Schattenseiten des Homeoffice haben sich in den vergangenen Wochen, in der Improvisieren auf der Tagesordnung stand, aber auch deutlich gezeigt. Die Debatte darum ist entfacht. Homeoffice ist auch eine Frage des persönlichen Arbeitsstils, der Ausstattung und der Fähigkeit, diese zu nutzen. Arbeit und Freizeit mögen in Gefahr geraten zu verwischen, sind aber auch eigenverantwortlich regelbar. Aber wie?

Sich Struktur schaffen, trotz Homeoffice morgens einmal das Haus verlassen und einen Arbeitsweg simulieren, sich zuhause ein richtiges Büro einrichten, Pausen einlegen und vor allem abends bewusst Schluss machen – diese Ratschläge, hier aufgeschrieben in der Zeit online, beschreiben den Lernprozess, der durchlaufen werden muss, und das vermutlich noch mehrmals, fehlt im Homeoffice eben doch die soziale Umgebung. Aber auch Disziplin ist erlernbar. Im Homeoffice Ordnung zu halten wäre schon mal ein Anfang. Diese Ratschläge der japanischen Aufräum-Queen Marie Kondō, der Netflix eine eigene Serie gewidmet hat, zirkulieren derzeit. Ihr neues Buch, das demnächst auch auf deutsch erscheint, geht darum, handelt davon, wie wichtig es ist, seinen Arbeitsplatz ordentlich zu halten, um Überblick und Kontrolle zu bewahren.

Was aber, wenn es die Beschäftigten doch vor allem wieder ins Büros zieht? Wenn nach Wochen des Heimkollers der Arbeitsplatz wieder geschätzt wird. "Der Anteil derer, die nicht von zu Hause aus, sondern in der Firma arbeiten wollen, steigt. 'Mehr und mehr unserer Leute wollen das. Die Leute kommen von selber", so Puma-Chef Björn Gulden vergangene Woche über die aktuellen Lockerungen.

Mehr Qualität
Das Büro wird sich weiter verändern und ein anderes werden. "Individualarbeit wird weiter ausgelagert - dort gehören diese auch hin", sagte jüngst Sven Wingerter von Eurocres Workplace Cunsulting der FAZ. "Nach Corona werden Leute daher bewusst ins Büro gehen, so wie man sich um ein Lagerfeuer versammelt. Es wird ein Ort für das qualitative Zusammenkommen."
 

"Auf meinem Desktop herrschte Chaos", Zeit vom 6. Mai 2020

"Zurück bei den lieben Kollegen", Süddeutsche Zeitung vom 7. Mai 2020

"Für Mitarbeiter könnten dies Errungenschaften der Krise sein", Tagesspiegel vom 10. Mai 2020

"Studie: So gut läuft Homeoffice in Zeiten von Corona", SWR vom 11. Mai 2020

 

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