Grundlagen/Wissen

Carlo Ratti über soziale Bindungen am Arbeitsplatz

Die Arbeitswelt wird sich durch Corona verändern. Davon ist derzeit viel die Rede. Aber wie genau? In loser Folge sprechen wir mit Experten und sammeln Hintergrundwissen dazu. Der italienische Architekt Carlo Ratti, Leiter des Senseable City Lab am Massachusetts Institute of Technology MIT, hat während der Pandemie unter Kollegen und Studierenden ihre Kommunikations-Netzwerke untersucht und schlußfolgert: Gemeinsame Orte der Arbeit fördern Innovationen, denn Büros bringen uns eher locker mit Menschen in Kontakt, aber mit vielen, und damit auch rascher an neue Ideen und andere Perspektiven.

Ratti hatte bereits zu Beginn der Corona-Krise reagiert und noch im März etliche Schiffs-Container zu mobilen Intensiv-Stationen umgestaltet, die in Mailand zum Einsatz kamen (Link). Mittlerweile setzt er sich für die Umgestaltung von Krankenhäusern und Universitäten ein, die er aufgrund der Erfahrungen der Corona-Zeit für zu groß und unflexibel hält.

Und in dem im Juni erschienen MIT-Beitrag "Reimagining the Office", der auf Deutsch auch in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, denkt der Architekt nun über veränderte Arbeitsplatzgestaltung nach und verteidigt Büros als Orte für gemeinsames Arbeiten. In seiner Begründung beruft er sich auf den Soziologen Mark Granovetter, der bereits in den 1970er Jahren argumentierte, dass nicht nur starke, enge Bindungen, sondern auch schwache Bindungen und zufällige Bekanntschaften das Fundament funktionierender Gesellschaften bilden. Starke Bindungen schaffen dichte, einander überlappende Netzwerke. Schwache Bindungen aber verbinden uns mit einer größeren und vielfältigeren Gruppe von Menschen. Das kann ein Sitznachbar im Zug sein, Baristas im Café oder Kollegen, mit denen man nicht unmittelbar zusammenarbeitet.

Ratti hat während der Pandemie Daten von Studierende, Professoren und Verwaltungsangestellte über ihr Kommunikationsverhalten erhoben, die darauf hindeuten, dass man sich eher innerhalb eines kleineren Kontaktpools ausgetauscht hat. Bestehende starke Bindungen haben sich also in den vergangenen Monaten vertieft, während schwache Bindungen schwächelten. Oft seien es aber solche lockeren Begegnungen, die uns neue Perspektiven und andere Sichtweisen öffnen.

Während der Pandemie konnte man starke Bindungen via Online-Tools stärken. Aber die Plattformen eignen sich nicht, soziale Zufälle nachzuahmen und auch online schwache Bindungen zu bilden. Im Gegenteil würden unbekannte Personen oder unterschiedliche Weltsichten eher herausgefiltert.

"In any case, companies would be well-advised not to eschew offices entirely, both fortheir own sake – new, innovative, and collaborative ideas are essential to success – and for the wellbeing of the societies in which they operate", schreibt Ratti. Heißt, Unternehmen sind gut beraten, Büros nicht gänzlich aufzugeben. Stattdessen können sie den Mitarbeitern ermöglichen, häufiger zu Hause zu bleiben - und gleichzeitig versuchen, sicherzustellen, dass sie die Zeit, die sie im Büro verbringen, dazu nutzen, schwache Bindungen aufzubauen, um deren perspektiv-öffnende Wirkung zu bewahren

Der Architekt empfiehlt beispielsweise, diejenigen Büroaufteilungen, die eigentlich Arbeit an separaten Aufgaben erleichtern sollen, in offenere, dynamischere Räume umwandeln, in denen man gemeinsam arbeitet. Dem könnten noch radikalere Umgestaltungen folgen, bei denen Designer Wege finden, um zufällige Begegnungen zu erzeugen durch choreografierte, ereignisbasierte Räume.

 

Mehr:
"Reimagining the Office“ von Carlo Ratti, 16. Juni 2020

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