Statement/Interview

Architektin Astrid Michaelis im Gespräch mit Simone Kaempf Fotos Stefan Marquardt

Neue Bibliotheks-Gestaltung

Wie liest, schreibt und kommuniziert man in sich verändernden Arbeitswelten? In loser Folge fragen wir Experten, die es wissen müssen. Die Architektin und Szenografin Astrid Michaelis hat über vier Jahre die Innenraum-Neu-Gestaltung der Universitäts-Bibliothek Siegen verantwortet. In enger Zusammenarbeit mit ihr entstand unser Bibliotheks-Möbelsystem S70 mit Tischen, Plätzen für informelles Arbeiten, Gruppenarbeitsabteilen mit Sitzbänken, in verschiedensten Varianten und dazu passend entwickelten Bücherwagen.

Büchereien und Bibliotheken erfinden sich derzeit neu. Längst wird nicht mehr nur still gelesen und Bücher ausgeliehen. Die Bibliothekskultur wandelt sich, die Orte sollen der Begegnung und dem Austausch dienen. Mit diesen Funktionen verändern sich auch die Räume selber.

 

Die Bibliothek der Uni Siegen stammt ursprünglich aus den Siebzigerjahren. Die umfassende Neu-Gestaltung dauerte vier Jahre und steht kurz vor dem Abschluss. Ziel des Umbaus: einen Lern- und Arbeitsort zu schaffen, mit großer Aufenthaltsqualität und hohem Identifikationspotential, interdisziplinär, zukunftsweisend, den aktuellen Diskurs über veränderte Nutzungsformen der Bibliothek mit einbeziehend und doch stark auf den Benutzer ausgerichtet. Mehr darüber von der Architektin Astrid Michaelis aus Münster, die das komplexe Projekt in enger Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Siegen verantwortet hat.
 

Ihre Ideen-Grundkonzeption für die Neu-Gestaltung der UB Siegen stammt aus dem Jahr 2016, enthält aber schon sehr viele Beschreibungen der Zukunftsausrichtung der Bibliotheken, wie man sie heute kennt. Diese Orte verändern sich gerade sehr und sollen unterschiedliche Funktionen – Archivieren, Arbeiten, Lesen, Studieren, Verweilen – unter einem Dach vereinen. Wie haben diese Ziele die Innen-Raumplanung beeinflusst?

Astrid Michaelis: Unsere architektonischen Überlegungen basieren auf dem Bewusstsein, einen szenografischen Raum zu schaffen, der den menschlichen und thematischen Aufgabenstellungen entspricht, Räume, in denen Menschen sich wohlfühlen und in dem sie sein können, das galt bei diesem Projekt natürlich auch. Dafür sind eine langfristige Vorabarbeit und Abstimmungen mit den Auftraggebern und Fachplanern erforderlich. Zuerst einmal haben wir uns vorab einige der neuesten und gut geplanten Bibliotheken angeschaut und für uns festgestellt, dass sie immer dann gut funktionieren und eine besondere Atmosphäre haben, wenn die Bücher ein großer Bestandteil bleiben und eine gute Mischung der unterschiedlichen Funktionsbereiche besteht. Besondere Plätze für Gruppenarbeit oder Lounges zum entspannten Arbeiten sind wichtig gewordener Bestandteil in einer gut funktionierenden Bibliothek.

 

(Bilder: Offene und geschlossene Arbeits- und Leseplätze VARIO S70 im Erdgeschoss der UB Siegen mit viel Lichteinfall. Die Leseboxen sind mit integrierter dimmbarer Beleuchtung ausgestattet. Die Details der Multiplex-Birke und Schichtstoffplatten sind aufeinander abgestimmt, die Rahmenverbindungen und Kabeldurchlässe ermöglichen flexible Lösungen und einfaches Umbauen, Umstellen, Erweitern.)
 

Von Anfang an war es unser Ziel, mit der Vision zu arbeiten, die der Bibliotheksleiter Dr. Jochen Johansen ausgeschrieben hat: "UB 2000" beschreibt die zukunfts-orientierte Bibliothek, in der alles zusammenkommt – Einzel- Arbeitsplätze, Gruppen-Arbeitsplätze, Workshop-Bereiche, Carrels, sowie Blinden-Arbeitsplätze, Scanner-Arbeitsflächen, Drucker-Stationen, Informations-Theken, Selbstverbucher-Stationen etc., sowie Versammlungs- und Schulungsräume, Workshop-Räume, ein Familien-Arbeitsraum, ein Ausstellungsraum, ein Bibiothekscafé und natürlich die Bücher und alles in einer guten funktionalen Mischung.

Der Bau stammt aus den Siebzigerjahren und liegt total im Grünen...
Architektonisch wurde der Bau sehr im Einklang von Mensch und Natur von Nattler Architekten mit einem hohen Wiedererkennungswert neu gestaltet. Bei der Innenarchitektur war dies ebenfalls der Grundgedanke. Ich denke, wir haben erreicht, dass sich die StudentInnen und MitarbeiterInnen wohlfühlen. Arbeitsplätze und Sitzbereiche liegen an den großen Fensterfronten mit Bick in die Landschaft und mit viel Licht. Es gab den Arbeitstitel, der ursprünglich von der stellvertretenden Bibliotheksleiterin Frau Anja Jäger stammt: Das Wohnzimmer der Studenten zu bauen. Ein Studium ist ja durchaus belastend, die Studierenden benötigen auch Flächen, wo sie abschalten können, einfach sein können und sich auch mal ausruhen können.

 

Die Aufenthaltsqualität ist in den Vordergrund gerückt, aber was bedeutet Aufenthaltsqualität genau und wie füllt man diesen Begriff?
Erst einmal: Ich glaube, man nimmt die Studenten als Kunden wahr (und nicht nur als anonymen Mensch), denen man Räume zur Verfügung stellt, in denen sie sich gern aufhalten wollen. Das ist eine allgemeine Entwicklung, die stattgefunden hat. In der Umsetzung ging es um einen hohen Wiedererkennungswert, eine ästhetische und funktionale Wertschätzung und auch darum, Studierende und Wissenschaftler für die Universität zu gewinnen. Eine Universitätsbibliothek ist nicht abzukoppeln von einer Universität, sie ist Ausdruck der Universität und da schließt sich der Kreis Ihrer Frage: Man kann heute nicht einfach eine Bibliothek bauen und sagen, so die habt ihr jetzt. Man muss dem Rechnung tragen, dass immer mehr Bücher digitalisiert werden, dass es mehr Bereiche gibt, in denen die Studenten sich gerne aufhalten, um zu forschen, um ihre Arbeiten zu schreiben und sich vor allem auch auszutauschen.
 

(Bilder: oben Eltern-Kind-Bereich mit S70 Sitzbänken und rollbaren Tischen. Unten ein kreativer Arbeitsbereich mit Gruppenarbeits-Abteilen und Doppelarbeitsplätzen.)
 

Es findet in den Bibliotheken viel mehr Kommunikation statt als früher und das macht heute ihre große Qualität und Beliebtheit aus. Damit braucht es eine höhere Flexibilität, die ein Anpassen an die sich wandelnde Nutzung ermöglicht. So ist ein modular nutzbares Einrichtung- und Möbelsystem entstanden, dass sich den Gegebenheiten durch einfaches Ab- und Umbauen anpassen kann.

Hat man die Ausstattung entsprechend verändert, also die Zahl der reinen Tisch-Arbeitsplätze verringert, die kommunikativen Möglichkeiten erhöht?
Zur Bibliothek gehören 800.000 Medien und 850 Arbeitsplätze und die Nutzung ist flexibel. Im ersten Schritt war die Herangehensweise architektonisch. Unser Ziel war es, eine Ausstattung zu planen, die flexibel und modular ist, alles im bestehenden Stützenraster von 7,20 Meter x 7,20 Meter. In dieses Raster passen die Regale und die Möbel von VARIO, die wir entwickelt haben. Alles lässt sich auf-, ab- und umbauen in der Funktionalität eines modularen Systems, das mit der Zukunft und sich veränderten Funktionen wachsen kann und das nicht statisch ist. Es gibt im Moment bei den Bibliotheken so viel Entwicklung durch die Digitalisierung, dass diese Flexibilität meiner Meinung nach unbedingt erforderlich nötig ist.

Der Bau stammt ursprünglich aus den Siebzigerjahren, es fand eine grundlegende Sanierung und Umgestaltung statt durch den BLB, Ed. Züblin AG als Bauträger und Nattler Architekten als Planungsbüro.
Interessanterweise oder auch stimmiger Weise haben wir zur vorherigen Einrichtung eine ähnliche Grundstruktur bei der Anordnung der Medienregale gewählt, allerdings ohne 45 Grad Ecken. Die Treppen bilden nach wie vor den Kern des Gebäudes, umlaufend gibt es einen Haupt-Gang von 2,50 Meter, an den sich die Medienregale anschließen, sowie hohe Loungemöbel und Spinte mit einer Höhe von mindestens 1,20 Meter als Sicht- und Akustik Maßnahme, als auch nach außen zum Fenster orientierte Arbeitsplätze, Workspaces und Lounges. Uns war es wichtig, eine klare Raumordnung zu schaffen,Sicherheit durch klare Organisationsstrukturen zu schaffen, die auch als Orientierung und Wiedererkennungswert funktionieren und zusätzlich mit einem Farbsystem hinterlegt sind. Grüne Paneele symbolisieren den kreativen Selbstlern-Bereich: Gruppenarbeitszonen mit Gruppenarbeitsabteilen mit Sitzbänken, Podeste als Arbeits- und Gesprächsorte (Laut-Lernzonen/Selbstlernzentren, nach neuer DIN Gruppenarbeitszonen genannt). Dann gibt es den pink/rot farbenen Bereich: Achtung, hier gibt es Informationen oder ich kann etwas recherchieren. Im sepia-braunen-Grauton sind die Einzel-Arbeitsplätze gestaltet: hier habe ich meine Ruhe und arbeite allein (Leise-Lernzonen, nach neuer DIN Plätze für informelles Arbeiten genannt).
 

(Bilder: Grün symbolisiert den kreativen Selbstlern-Bereich. Rot markiert den Informationsbereich oder wie hier die Scannerplätze. In Birke-Weiß-Grau sind die leiseren Arbeits-Zonen gestaltet. 7 Oberflächenfarben werden insgesamt verwendet: limonengrün, fuchsiarot, lava, birke, diamantgrau, nebelgrau, steingrau.)


Eine besondere Herausforderung war, dass wir keine Möglichkeit hatten, den Strom und die Datenkabel aus Bodentanks zu bekommen. Das heißt, wir haben Wandscheiben entwickelt, die es uns ermöglichen den Strom von der Decke abzugreifen und innerhalb der Module verteilen können. Bei einem Neubau würde man das anders lösen und, den Strom und die Daten direkt über Bodentanks in das Möbelsystem einbringen. Die Möbel, die später nach der Ausschreibung und Auftragsvergabe, mit VARIO weiterentwickelt wurden, haben die Flexibilität, den Strom- und die erforderlichen Datenmengen innerhalb des Systems durch Kabelführungen weiterzuleiten. Die Module werden passgenau miteinander verbunden, dabei greifen auch die Kabeldurchlässe ineinander.

Die wandhohen Paneele sind also tatsächlich für die Stromversorgung von Nutzen, üblich sind sie sonst nicht.
Sie sind zum Gestaltungsmerkmal der UB Siegen geworden, das wiederkehrende Element, und dienen zur Stromversorgung der Einzelarbeitsplätze, als Schallschutzmaßnahme und als Sichtschutz. Wir haben die Paneele in insgesamt drei Höhen ausgeführt, die unterschiedliche Funktionen übernehmen. Wichtig war uns bei den einzelnen Arbeitsplätzen der Sichtschutz auf 1,20 Metern mit eingebauten klickbaren einzeln dimmbaren LED-Lichtsystem, das über die Kopplung auch zentral gesteuert werden kann. Da auch der Schallschutz in Bibliotheken eine große Rolle spielt, gibt es bei der Ausführung der modularen Möbel die Paneele auch in 1,45 Meter Höhe sowie die hohe Wandscheibe.

Die Lounge-Möbel, die an Gänge und Laufwege anschließen, sind ebenfalls im Gesamtkonzept auf die Höhen und Farbgebung abgestimmt. So lassen sich offene- und geschützte Räume schaffen, bezugnehmend auf das Stützenraster und auf die Maße der Vorsatzschalen der Regale, eine Modul-Lösung, die sich in ihrer Umsetzung überall wiederfindet. Die "Scheiben" ermöglichen klare Zuordnungen, durch die Gestaltung im Raster System der Regale und der dort bestehenden Vorsatzschalen. Sie geben dem Raum eine klare sich wiederholende Gliederung und grenzen die einzelnen Nutzungsbereiche deutlich voneinander ab.

 

(Bild: Wandpaneele in drei Höhen für akustische und optische Trennungen. Die Wandscheiben haben akustische Funktion und leiten den Strom aus den Deckenanschlüssen weiter.)


Workspace, Ruhe- und Kommunikations-Zonen spielen heute auch bei der Gestaltung neuer Büro-Arbeitsflächen eine wichtige Rolle. Ist das eine Entwicklung, die parallel läuft in ganz unterschiedlichen Arbeitswelten?
Ja, auf jeden Fall. Die Möbel sind durchaus ebenso innerhalb von Büros einsetzbar. Die Planung dieses Projekts ist in vier Jahren gewachsen. Und wir wissen heute auch durch unsere momentanen Erfahrungen, dass flexible Räume noch immer wichtiger werden. Das ist das Konzept der Zukunft, das auch den Büro-Alltag stark betrifft.

Wie wurde der zunehmenden Digitalisierung Rechnung getragen im Hinblick auf Lesen, Schreiben und Arbeiten?Seit Mai 2017 existiert mit der DIN 67700 erstmals eine Norm für den Bau von Bibliotheken und Archiven, die sie als hybride Umgebungen physischer, sozialer sowie digitaler Angebote versteht.
Zum Beispiel sind die Drucker in den Keller umgezogen und es gibt auf allen Ebenen Scanner. Scanner-Arbeitsflächen sind ein Thema für neue Bibliotheken, weil man weiß, dass viel weniger gedruckt wird als früher und aufgrund der Nachhaltigkeit auch wenig gedruckt werden soll. Dann sind Gruppenarbeitsabteile mit installierten Wandmonitoren ausgestattet, hier können die StudentInnen ihre Notebooks anschließen und gemeinsam arbeiten, und es gibt Gruppen-Arbeitsräume mit größeren Bildschirmen.

 

(Bild: Gemeinschafts-Arbeitsplatz mit Wand-Monitor, Steckdosen und Notebook-Anschlüssen, mit Paneelen in zwei Höhen und fixierten Tisch.)

Gleichzeitig werden Bücher gelesen. Denkt man Lesen, Schreiben und Arbeiten in die Bandbreite? Nur bei digital sind wir alle auch noch nicht.
Es gibt durchaus viele StudentInnen, die im Studium noch Bücher in die Hand nehmen wollen. Die Zukunft wird vermehrt durch das digitale Lesen geprägt sein. Und wir wissen, dass wir individuell geprägt sind und damit unterschiedlich lernen und jeweils ein anderes Umfeld benötigen um gut arbeiten zu können, um sich wohl zu fühlen, einige zum Arbeiten einen Sichtschutz bevorzugen und andere den Blickkontakt suchen. Vielfältig nutzbares Mobiliar für vielfältige Lerntypen. Wir wollten in jeder Hinsicht eine Bandbreite anbieten.

 

Astrid Michaelis, Michaelis Szenografie, Atelier für Architektur, Szenografie und Innenraumgestaltung, ist Architektin in Münster mit Schwerpunkt Gestaltung, Ausstellungsarchitektur und Szenografie in Museen und Unternehmen, Museumsbauberatung sowie Fachplanung von Bibliotheken und Vorträgen www.michaelis-szenografie.de
 

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