Grundlagen/Wissen

von Thomas Öchsner

Wie man sich im Home Office am besten organisiert

Zwölf Prozent der Beschäftigten arbeiten mittlerweile regelmäßig oder gelegentlich im Home Office, Tendenz steigend. Bis zu 40 Prozent wären möglich, ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie. Wie man sich im Home Office organisiert, beschreibt Thomas Öchsner, Wirtschaftsredakteur bei der Süddeutschen Zeitung.

Er: "Kannst du mal schnell die Wäsche aufhängen?" Sie: "Ich habe gerade erst meinen Laptop hochgefahren." Eine Stunde später. Er: "Das Katzenklo müsste auch mal wieder sauber gemacht werden." Sie: "Siehst du nicht, dass ich arbeite?!" Früher Nachmittag. Er: "Aber wenigstens kannst du die Blättersäcke zum Wertstoffhof bringen." Sie: "Mhm".

 

Er ist selbständig, hat sein Büro zu Hause – und findet, dass die Gattin bei der Hausarbeit mehr helfen könnte, wenn sie schon mal tagsüber da ist. Seine Frau erledigt ihren Bürojob ein bis zweimal die Woche daheim, was bei dem Paar mitunter zu Zwist führt. Viele Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten wenigstens ab und zu von zu Hause aus. Das kann sehr produktiv sein – oder schief gehen, je nachdem was für ein Arbeitstyp man ist und welche Regeln man sich fürs Arbeiten zu Hause setzt. Home-Office – Fluch oder Segen? Zehn Punkte für ein gutes Gelingen.

 

1. Die Typsache
Die meisten Home-Office-Worker sind mindestens 40 Jahre alt, oft männlich, aus akademischen Berufen, wie Rechtsanwälte, Professoren oder Ingenieure. Das zeigen Untersuchungen aus der Schweiz. Doch ob man am heimischen Schreibtisch arbeiten kann, ist eine Typsache. Manche wünschen sich nichts sehnlicher. Andere können das gar nicht, mehr oder weniger isoliert vor sich hin zu werkeln. Ohne Chef, Kollegen, Druck von außen bringen sie wenig zustande, neigen dazu, Aufgaben aufzuschieben. Forscher der Uni Stanford fanden heraus, dass die Hälfte der Angestellten, die bei einem Feldversuch zu Hause arbeitete, sich zurück ins Büro sehnte. Ihnen fehlte der soziale Kontakt, oder sie spürten selbst, dass ihre Leistung nicht mehr stimmte. Home-Office, sofern dies mit den beruflichen Aufgaben überhaupt vereinbar ist, eignet sich also nicht für jeden. "Auch für Menschen, für die die Trennung von Beruflichem und Privatem sehr wichtig ist, kommt das eher nicht in Frage. Für sie kann das sonst sehr belastend sein", sagt Sandra Ohly, Wirtschaftspsychologin an der Universität Kassel.

 

2. Der Arbeitsplatz
Ideal ist natürlich ein eigenes Arbeitszimmer. Wer nicht so viel Platz hat, aber oft zu Hause arbeitet, sollte wenn möglich den Arbeitsbereich zumindest vom Wohnbereich abtrennen, mit Regalen, Pflanzen oder einem Vorhang. Der Raum sollte idealerweise ruhig, hell, freundlich und der Schreibtisch so aufgestellt sein, dass das Tageslicht nicht blendet. Gegen eine Wand zu blicken, beengt den Geist, sagen Fachleute. Sogar die richtige Wandfarbe zu wählen, kann wichtig sein. Wissenschaftler der Hochschule für angewandte Kunst und Wissenschaft fanden heraus, dass natürliche Sandfarben, Blau- und Grüntöne die Konzentration erhöhen können. Und klar, das Internet sollte schon funktionieren, und der Bürostuhl so gut sein, dass die nächsten Rückenschmerzen nicht vorprogrammiert sind.

 

3. Das Drumherum
Die einen können im Bademantel oder in Jogginghosen hocheffizient sein. Die anderen kleiden sich bewusst so, als ob sie ins Büro müssten. "Manche Menschen brauchen ein sichtbares Zeichen dafür, dass sie jetzt arbeiten. Dazu kann auch gehören, sich zum Beispiel eine schicke Hose anzuziehen", sagt Ohly. Das Passende für sich herauszufinden, gilt ebenso für den Schreibtisch. Ordnung oder Chaos? Für manche ist es wichtig, dass nur Bürounterlagen herumliegen. Andere können gerade dann gut arbeiten, wenn Privates in ihrer Nähe ist, sie es gemütlich haben und dadurch inspiriert sind. Helfen kann auch ein Plan für die Heimarbeit: zur selben Zeit aufstehen, die Arbeitszeit und die Aufgaben definieren und schon eine feste Zeit für den Feierabend einplanen.

 

4. Die Ablenkung
Möglichkeiten herum zu gammeln, gibt es überall: Im Büro kann man mit Kollegen tratschen, vor dem Bildschirm vor sich hin dämmern, in Endloskonferenzen die Zeit vertrödeln oder Mittagspausen in die Länge ziehen, wenn es keine Stechuhren gibt. Zu Hause lauern, wie unser Paar weiß, andere Gefahren. Expertin Ohly rät deshalb, für sich und die Lieben daheim eindeutige Regeln aufzustellen: "Es ist wichtig, dem Partner, der Partnerin oder den Kindern zu sagen, wann man im Home-Office nicht ansprechbar ist. Klare Ansagen helfen Missverständnisse und Reibereien zu vermeiden." Sich nicht ablenken zu lassen, kann sogar so weit gehen, dass man die Türklingel ignoriert, um nicht zur Paket-Annahmestelle für die Nachbarn zu werden. "Zu Hause zu arbeiten erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Organisationsfähigkeit, zwei Eigenschaften, über die nicht alle Menschen in ausreichendem Maße verfügen", heißt es in einer Studie von Forschern des Mannheimer ZEW.

 

5. Die Vorgesetzten
Im Home-Office zu arbeiten, ist eine Sache des Vertrauens. So gibt es laut der ZEW-Studie in Betrieben, in denen ohnehin eine Vertrauensarbeitszeit gilt, eher die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten als in Betrieben, in denen die Arbeitszeit reglementiert wird. Home-Office ist jedoch hierzulande noch wenig verbreitet. 2017 arbeiteten nach Angaben des europäischen Statistikamtes in Deutschland gerade einmal 7,7 Prozent der Arbeitnehmer gelegentlich oder oft zu Hause. Deutlich gestiegen ist seit 2015 nur der Anteil derjenigen, die regelmäßig im Home-Office sind. Karl Brenke, Arbeitsmarktforscher im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), führt dies auch auf Vorbehalte bei Vorgesetzten zurück: Diese seien oft noch "sehr kontrollbewusst und wollten ihre Schäfchen um sich haben, auch weil das für sie eine Bestätigung ist".

 

6. Die Beförderung
Britische Studien zeigen sogar, dass Chefs Angestellte im Home-Office seltener befördern als Mitarbeiter, die ständig im Büro zu sehen sind. In einer Umfrage unter mehr als 2600 Angestellten, die nicht zu Hause tätig sind, begründeten dies immerhin sieben Prozent mit "schlechten Aufstiegschancen". Hängen Beförderungen eindeutig davon ab, ob und wie ein Mitarbeiter vorher definierte, messbare Ziele erreicht, "sollte das häufige Arbeiten im Home-Office für den nächsten Karriereschritt aber kein Hindernisgrund sein", sagt Ohly. 

 

7. Die Kommunikation
Auch hier bringt das Arbeiten zu Hause Vor- und Nachteile: Ohne den Flurfunk im Büro wird man leichter von Informationen abgeschnitten. Das muss aber nicht so sein, falls Home-Worker es sich frei einteilen können, wie oft sie im Büro ihre Nase zeigen. Präsent zu sein und sich beim Reden ins Gesicht schauen zu können, kann auch helfen, versteckte Botschaften leichter zu entschlüsseln. "Man sieht ein Stirnrunzeln, hört Zweifel in der Stimme. Das lässt sich in einer E-Mail nicht so gut rüberbringen", sagt Ohly. Ohnehin können unüberlegt geschriebene E-Mails schnell mal zu Missverständnissen oder latenten Aggressionen führen. Im Büro sind Menschen oft auch gemeinsam kreativer. Die besten Ideen entstehen dann, wenn Kollegen miteinander "spinnen" können, was nicht geht, wenn zu viele zu Hause sitzen.

 

8. Die Produktivität
Von wegen Schlendrian: Forscher der Universität Stanford untersuchten die Arbeitsleistung von Mitarbeitern eines Callcenters. Dabei fanden sie heraus, dass sich die Kollegen aus dem Home-Office nicht nur seltener krank meldeten, weniger Pausen einlegten und weniger häufig kündigten, weil sie mit ihrer Arbeit zufriedener waren als die Vergleichsgruppe, die weiter ins Büro musste. Diejenigen, die zu Hause telefonierten, waren auch produktiver als die anderen. Auch Wissenschaftler der Universität Basel stellten fest, dass Home-Office-Arbeit verglichen mit der in der Firma "im Durchschnitt mit einem höheren Arbeitseinsatz der betroffenen Mitarbeiter einhergeht".

 

9. Die Selbstausbeutung
Die Baseler Forscher fanden sogar heraus: Wer zu Hause sein Geld verdient, arbeitet im Durchschnitt 2,5 Stunden je Woche mehr als die Kollegen im Büro. Gut möglich, dass die Angestellten zu Hause stärker motiviert sind. Vielleicht wollen sie aber auch misstrauische Chefs mit mehr Einsatz überzeugen. "Wenn ich weiß, dass die oder der Vorgesetzte mir vertraut, muss ich auch nicht signalisieren, dass ich zu Hause über die Maßen viel tue oder so tun, als ob dies so ist", sagt Ohly.

 

10. Die Betriebsvereinbarung
In Schweden, Dänemark und Island ist ein weit aus größerer Anteil der Arbeitnehmer als in Deutschland zumindest hin und wieder zu Hause berufstätig. In den Niederlanden gibt es sogar seit mehr als drei Jahren einen Rechtsanspruch auf Home-Office. Demnach darf jeder Mitarbeiter in Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten auf Antrag zu Hause arbeiten. Der Arbeitgeber darf das nur ablehnen, wenn nachweisbar ist, dass schwerwiegende betriebliche Gründe dagegen sprechen. So ein Gesetz gibt es in Deutschland nicht. Vor allem größere Unternehmen haben dafür häufig Betriebsvereinbarungen mit Regeln für das mobile Arbeiten auch zu Hause, etwa Siemens. Wer das gerne einmal ausprobieren will, kann also im Personalbüro oder beim Betriebsrat nachfragen, ob es beim eigenen Arbeitgeber dafür schon bestimmte Regeln gibt.

 

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