Grundlagen/Wissen

Fotos Heike Huslage-Koch / Wikipedia

Plädoyer fürs Grundeinkommen

Der Ökonom Thomas Straubhaar plädiert in seinem Buch "Radikal gerecht" für ein bedingungsloses Grundeinkommen und zeigt auch auf, wie sehr die zunehmende Digitalisierung die Arbeit des 21. Jahrhunderts verändern wird. Seit Monaten werden seine Ideen intensiv diskutiert.

Sorgen darüber, dass Maschinen den Menschen ersetzen, gibt es seit der Erfindung der Dampfmaschine oder der Elektrizität. Der Ökonom Thomas Straubhaar gehört zu denen, die glauben, dass die Umwälzungen der Digitalisierung jedoch noch stärker und umfassender ausfallen als mit der industriellen Revolution. Routinearbeiten und einfache, standardisierte Tätigkeiten werden bald von Robotern und künstlichen Intelligenzen erledigt. Folge sei nicht das Ende der Arbeit, aber ein völlig neues Arbeiten und eine andere Einteilung der Arbeitszeit.

 

Damit geraten die heutigen Versicherungsmodelle unter Druck, die nach 45 Jahren Erwerbstätigkeit einen hundertprozentigen Rentenanspruch vorsehen. Straubhaar glaubt, dass die Menschen zukünftig deutlich weniger Wochenstunden arbeiten, sich dafür die Lebensarbeitszeit bis ins hohe Alter verlängert. Zwischen Berufseinstieg, Familiengründung oder Berufswechseln werde es Pausen geben, der Stellenwert von Weiterbildung steigt und vor allem wandele sich die über Jahrhunderte gewachsene tiefere Bedeutung von Arbeit: "Arbeit ist keine existenzielle Pflicht mehr", prophezeit Thomas Straubhaar in seinem viel beachteten Buch "Radikal gerecht".

 

Wie genau diese zusätzliche Zeit genutzt wird, zur Weiterbildung, Erholung oder freiwillige Sozialdienste, ist das eine. Dringlicher sei, dass eine digitalisierte Gesellschaft ein Sozialstaatsmodell braucht, das der neuen Wirklichkeit entspricht. Als Lösung hat sich Straubhaar dem Konzept eines bedingungslosem Grundeinkommens verschrieben. 1000 Euro monatlich soll jeder Bundesbürger erhalten. Einkommen aus Arbeit und Kapital werde mit 50 Prozent besteuert. Den Betrag von 1000 Euro errechnete Straubhaar, indem er alle Sozialleistungen des Staats addierte zur Summe von 900 Mrd Euro, die er durch die Anspruchsberechtigten teilte. Befürworter sagen, dass viele Arbeitnehmer in den nächsten Jahrzehnten auf der Strecke bleiben und eine Art Grundeinkommen unvermeidlich sei.

 

Für diese Idee erwärmen sich auch einige Silicon-Valley-Chefs. Bill Gates geht einen Schritt weiter. Im Frühjahr forderte er eine Robotersteuer, damit die Kosten menschlicher Arbeit konkurrenzfähig bleiben und das Tempo gedrosselt werde bei der Einführung von Robotern. Gates steht mit seiner Haltung nicht allein. Zum Beispiel sprach sich auch der Chef der Deutschen Post, Frank Appel, für eine Art Robotersteuer aus, um menschliche Arbeit geringer zu besteuern, wie er im vergangenen Sommer plädierte.

 

Ein Grundeinkommen für alle Bürger einzuführen, lehnt der Manager dagegen ab. Wie viele andere vehemente Gegner hält er es für falsch zu glauben, der Staat müsse den Menschen nur Geld geben und dann könnten sie ein zufriedenes Leben führen. Als Hauptargument gegen Straubhaars Szenario gilt, dass das Grundeinkommen eine Freiheit vortäuscht, jedoch in neue Abhängigkeit führt. Straubhaar selbst sagt, er sei zutiefst optimistisch, dass die Menschen auch mit Grundeinkommen arbeiten wollen.

 

Empfehlenswertes Interview mit Thomas Straubhaar auf inforadio.de vom 1. Mai 2017

Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung vom 11. März 2017: "Und ewig lockt das Grundeinkommen"

Bill Gates Video: "The robot that takes your job should pay taxes"

 

 

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