Statement/Interview

Fotos Eva Jünger

Interview mit Stefan Verra - Körpersprecher

Es gibt die Dauerschwätzer, die quasseln wie ein Wasserfall, ohne wirklich etwas zu sagen. Es gibt die vermeintlichen Philosophen, die mit wenigen Worten angeblich viel sagen, was aber außer ihnen keiner kapiert. Es gibt die Blender, die mal viel, mal wenig sagen, nur nie die Wahrheit. Und es gibt den Körper, den menschlichen Körper, der gar nichts sagt, aber umso mehr spricht und das auch noch entwaffnend ehrlich. Körpersprecher Stefan Verra entschlüsselt unsere Körpersprache und gibt Tipps, wie wir uns und andere besser verstehen. 


 

Wer oder was hat Sie zum Körpersprecher gemacht, wie sind Sie dazu gekommen? Oder anders gefragt: Wo haben Sie diese Sprache studiert?

Mein Vater ist Bildhauer und da habe ich schon als Kind die Bedeutung von Körperhaltung und Ausdruck mitbekommen. Wenn er aus einem Baumstamm einen Akt geformt hat, wurde bei uns oft in der Familie heftig diskutiert, wie denn dessen Haltung etc. sein muss, damit der Ausdruck wie gewünscht war. 

 

Das ist bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen. Und dann habe ich mich – aus einer Intuition heraus – mit dem Steuerorgan des Körpers beschäftigt. Nämlich unserem Gehirn. Und daher kommt auch mein naturwissenschaftlicher Ansatz. Das hat mir viele Einladungen zu Ärztekongressen und Universitäten gebracht. 

 

Und genau das bringe ich den Menschen näher: Körpersprache ist kein halb-esoterisches Wald- und Wiesenthema sondern ein Thema, mit dem sich jeder Mensch beschäftigen sollte.

 

Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen der Deutlichkeit, mit der die Körpersprache verstanden und dechiffriert wird und dem sorglosen, unreflektierten Einsatz derselben? Wie kommt es, dass man nicht bewusster mit ihr umgeht?

Das hat auch mit unserem Gehirn zu tun: Der Großteil unserer Körpersprache passiert unbewusst – genau gesagt: „vor“-bewusst. Das heißt, der Körper tut etwas bevor wir dessen gewahr werden. Wir fahren mit dem Auto und sehen am Straßenrand einen Polizisten. Blitzschnell werden die meisten von uns das Lenkrad festhalten und auf die Bremse treten. Im Nachhinein wird uns oft bewusst: „Wie blöd von mir. Ich habe ja ohnehin alles korrekt gemacht“. Aber bis dieser Gedanke kommt, hat der Körper schon lange reagiert gehabt. 

 

Vieles machen wir also intuitiv. Leider nicht immer zu unserem Vorteil. Wer im Geschäft steht und über eine SMS grübelt, zeigt meist Stirnrunzeln, Schmallippigkeit, Blick zu Boden, ernster Blick. Wenn in diesem Moment ein Kunde den Laden betritt, hat dieser aber genau diese Signale empfangen: Signale, die wenig Willkommensfreude signalisieren. 

 

Meine Aufgabe ist es deswegen, die Menschen einfach aufmerksamer sich gegenüber zu machen ohne je den Oberlehrer raushängen zu lassen. Genau beschreibe ich das in meinem Buch „Hey, dein Körper spricht!“.

 

 

 

Würden Sie sagen, ein bestimmtes Umfeld provoziert eine bestimmte Körpersprache? Kann das Umfeld die Körpersprache beeinflussen?

Ein Teil unserer Körpersprache ist tatsächlich von der Umgebung beeinflusst wenn auch nicht alles. Im Urlaub geben wir uns oft ein wenig anders, genauso wie wir in der Anwesenheit von Kunden anders sind, als wenn wir uns unbeobachtet fühlen. 

 

Wer sich schneller auf unterschiedliche Umfelder einstellen kann, wird besser ankommen. Ich mache es mal bildhaft: Das Verkaufsgespräch mit Jungunternehmern eines Start-Ups verlangt ein wenig andere körpersprachliche Signale als das Gespräch zur Belieferung eines Altenheims. 

 

Wer mehr Vielfalt zeigt, deckt mehr unterschiedliche Bedürfnisse ab.  Wir machen es bei Kindern automatisch: wenn das Kind vor Freude springt und lacht, reagieren wir auch mit großer Freude darauf. Und wenn das Kind traurig ist, spiegeln wir das auch wieder. Dazu ist es aber nötig, dass man seine eigenen Bedürfnisse ein wenig zurückstellt und beobachtet, was der andere gerade braucht. 

 

Ein kluger Mensch sagte dazu mal: „Wer sich selbst einen Schritt zu nahe ist, ist dem anderen einen Schritt zu fern.”

 

 

 

In Ihrem Vortrag beim VARIO Sommerfest gab es eine Passage, bei der Sie auf die Körpersprache von Verkaufspersonal eingingen. Könnten Sie da noch mal die wichtigsten Beispiele aufzeichnen?

Der Kunde kommt ins Geschäft. In IHR Geschäft. Das heißt, er betritt eine „fremde Höhle“. Das geht nahezu immer mit ein wenig Unsicherheit einher. Deswegen sind alle Signale der Dominanz und Bedrohlichkeit zu vermeiden. Breiter Stand, ernstes Gesicht und Arme in die Seiten gestemmt wären deswegen kontraproduktiv. Wer seine Hände in der Hosentasche lässt, zeigt auch: „Plaudern kann ich gut, aber aktiv werden für Sie tu ich jetzt nicht“. Aktivität braucht auch aktive Hände. 

 

Deswegen: Ein wenig Gestik zur Unterstützung der Worte ist besser als herabhängende, lasche Arme. Das wichtigste Signal für alle ist: „Lächelt‘s mehr“! Innerhalb des Teams und gemeinsam mit den Kunden. Das zeigt Selbstsicherheit und Kommunikationsbereitschaft.

 

Können Sie ganz kurz 3 positive und 3 negative Körpersignale benennen, die jeder versteht und benutzt, ohne darüber nachzudenken? 

Es gibt keine Signale, die grundsätzlich gut oder schlecht sind. Es geht immer um den Zusammenhang. Auch wenn Lächeln in den meisten Fällen positiv ist, gilt das nicht immer. Wenn der Kunde sich beschwert, dass der neue Tisch schon nach zwei Wochen kaputt gegangen ist, wäre ein süffisantes Lächeln fehl am Platz. Deswegen biete ich hier allen an: Jede Woche gebe ich mehrfach Tipps zur Körpersprache (www.facebook.com/stefanverra). Da findet man auch viele Körperspracheanalysen von Politikern, Sportlern und Promis.

 

 

 

STEFAN VERRA stammt aus einer Künstler-Familie, was erahnen lässt, dass er seine ausgeprägte Beobachtungsgabe, sein feines Auge für das Detail vermutlich schon in die Wiege gelegt bekommen hat. 

 

Seine Vorträge und Shows begeistern jährlich zehntausende Teilnehmer von Europa bis China. Mit seiner ganzheitlichen Methodik, sich bei der Analyse der Körpersprache nicht in bruchstückhaften Einzelsignalen zu verzetteln, sondern immer den Gesamtkontext zu betrachten, beeindruckt er Mediziner wie Wissenschaftler. 

 

Er ist Dozent an mehreren Universitäten sowie Erfolgsautor („Hey, dein Körper spricht!“, „Die Macht der Körpersprache im Verkauf“ und „Hey, dein Körper flirtet!“) und TV-Experte.

 

 

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