Trends/Messen

von Simone Kaempf Fotos Danique van Kesteren/betahaus (1), St. Oberholz (1)

Raus aufs Land

Coworking Spaces werden immer größer und immer mehr, sie eröffnen auch außerhalb der Großstädte, bieten flexiblere Tarife als früher. Coliving ist ein Thema, und die Firmen, die sich einmieten, wissen besser, was sie wollen. Das sind Trends vom Berliner Coworking Festival 2018, das heute endet.

Berlin ist mit etwa 120 Coworking Spaces neben Barcelona weiter die europäische Hochburg der Szene. Zwei Dutzend der Büros öffneten ihre Türen während des Festivals, das zum dritten Mal stattfand, luden zu Probearbeitstagen, auf Rundgänge oder zu Diskussions-Veranstaltungen ein. Um den Status Quo von Coworking ging es gleich zum Auftakt in einem Gespräch mit drei Teilnehmern, die in der Szene eine wichtige Rolle spielen: Ansgar Oberholz, der 2004 in Berlin-Mitte das St. Oberholz gründete, Carsten Foertsch, Mitgründer von deskmag.com, einem auf das Thema spezialisierten Fachmagazin und Madeleine Gummer von Mohl, Mitgründerin des betahaus, das demnächst 10-jähriges Bestehen feiert und im Herbst in neue Räume ziehen wird: in das ehemalige taz-Redaktionsgebäude. Das Büro wird frei durch den Umzug der Zeitung in einen Neubau, und dass sich das betahaus die Anmietung sicherte gilt als kleiner Coup.

 

Zwei Monate müssen durch Bau-Verzögerung allerdings in einem Ersatzgebäude überbrückt werden. Doch Gummer von Mohl hat schon Schlimmeres erlebt. Motiviert vom Erfolg in Berlin hatte man schnell neue nationale und internationale Standorte eröffnet. In Köln folgte jedoch Anfang 2013 das Aus: wegen finanzieller Nöte meldete man Insolvenz am, das Team war ausgebrannt, man fand keine neue Immobilie. Im gleichen Jahr ging auch das Hamburger betahaus insolvent. In einem größeren Standort schaffte man dort jedoch den Neustart. Das betahaus bietet pro Jahr etwa 1000 Veranstaltungen an, Event-Vermietungen inklusive, "das mache auch die Hälfte des Umsatzes", so Gummer von Mohl.

 

Wie Coworking-Kultur entsteht
Auch laut deskmag-Magazin steigt die Chance auf profitables Arbeiten je größer die Fläche wird. Wenn die Mitgliederzahlen steigen, muss man sich jedoch fragen, wie man die Leute noch zusammenbringt, sagt Gummer von Mohl über ihre Erfahrungen. Die Idee von Coworking ist mehr als ein Büro-Sharing, sondern stehe und falle mit dem Community-Gedanken, dem informellen Wissenaustausch, dem Kennenlernen und Starten neuer Projekte. Für Ansgar Oberholz steht das Thema Flexibilität oben auf der Agenda. "Bis vor kurzem waren monatliche Mitgliedschaften üblich, jetzt sind es Tages- und Stunden-Tickets. Das ist der große Trend." Bei Unternehmen ist das noch anders, weil die Mitgliedschaften länger laufen. Firmen-Mitglieder grenzen sich in der Regel aber eher ab, was für den Community-Gedanken problematisch ist. Strategien sind zum Beispiel, die Corporate-Mitglieder im Raum zu verteilen. Oder sie in wöchentliche Community-Meetings zu integrieren. "Coworking ist eine Kultur", fasst es Oberholz zusammen, die müsse gepflegt werden.

 

Ort für Innovationsprojekte
Die Fläche an sogenannten Private Offices wächst jedoch. Waren es vor zwei Jahren noch 18 Prozent, sind es laut Global Coworking Survey, die jährlich vom deskmag erhoben wird, jetzt durchschnittlich 25 Prozent der Fläche, die an Firmen vermietet werden. Die aber wissen besser, was sie wollen. So realisieren große Unternehmen oft ihre Innovationsprojekte in Coworking Spaces. Oder Firmen, die in kleineren Städten ihren Standort haben, lassen Mitarbeiter remote arbeiten, um sie zu halten. car2go zum Beispiel, die eigentlich in Ulm sitzen, hatten im Berliner betahaus Mitarbeiter einquartiert, um sie über den Standort zu halten. Manche brauchen aber auch einfach nur eine Bürofläche, so Gummer von Mohl.

 

"Workation" im Grünen
Fünf Berliner Coworking-Spaces bieten mittlerweile auch Hotelzimmer nach einem Konzept an, das den Community-Gedanken verfolgt: Coliving. Es bilden sich auch immer mehr Nischen, Coworking Spaces zum Beispiel nur für Frauen oder für Freelancer, die gegen den Trend nur ungern in Industrie-Office-Ambiente arbeiten. Solche mit Platz für Kinderbetreuung. Oder die in kleineren Städten oder gleich auf dem Land eröffnen. Das Coconut in Bad Belzig, das mitten im Grünen liegt, bietet neben dem Arbeitsplatz auch Übernachtungen und wirbt, dass man in fünf Minuten in der Natur sei wie im Urlaub. Einen Namen hat man auch dafür erfunden: Workation.

coworkingfestival.de
"The 2018 State of Coworking Spaces", deskmag.com vom 18. September 2018

(Auf dem Bild Ansgar Oberholz, Madeleine Gummer von Mohl und Johanna Voll, Arbeitssoziologin an der Viadrina Universität)

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