Grundlagen/Wissen

von Simone Kaempf Fotos Artemide, Archive Michele De Lucchi

30 Jahre Tolomeo

Als Design-Student rebellierte Michele de Lucchi und schüttete als Napoleon verkleidet Plastiksäcke voller Produkte vor der Mailänder Triennale ab. Dann machte er es besser und schuf Entwürfe, die über Jahrzehnte hinweg überzeugten. Seine "Tolomeo" von 1987 ist bis heute die meistverkaufte Schreibtisch-Leuchte überhaupt.

Den Seilzeug für die Tolomeo hat sich der Designer Michele De Lucchi bei italienischen Fischern abgeschaut. Alte Fischergalgen, Trabucchi genannt, waren früher in Apulien weit verbreitet. Die Stangen, an denen man die Netze befestigte, wurden von Seilen gehalten. "Dass man mit einem Hebelarm und einem Kabel eine Stange aufhängen kann, an der etwas befestigt wird, schien mir intelligent“, sagt der 65-Jährige Designer über den Mechanismus der Schreibtisch-Lampe, die er zusammen mit Giancarlo Fassina vor dreißig Jahren entwarf.

 

In den 80er Jahren gestaltete De Lucchi für Alchymia und Memphis viele Möbel, die die Prinzipien des Funktionalismus infrage stellten. Sein Stuhl "First" etwa deutet Rückenlehne und Armlehnen mit zwei schwarzen Kugeln und einer hellblauen Scheibe nur noch spielerisch an. Er wollte mit diesem radikalen Design eine neue Vorstellung vom Wertvollen etablieren. Als sich Memphis auflöste, setzte De Lucchi seine Vorstellungen in seinem eigenen Mailänder Studio weiter um.

 

Mit der Tolomeo, für Artemide entworfen, kehrte er zur funktionalen, schlichten Form zurück. Ab 1992 entwarf er als Chefdesigner für Olivetti elektronische Schreibmaschinen und Computer. Mit den Kollegen seines Büros aMDL entwickelte er auch ein Shopsystem für Mandarina Duck, Filialen für die Deutsche Bank, bei denen die Piazza als Kommunikationsraum Pate stand oder das servicebetonte Reisezentrum für die Deutsche Bahn in Frankfurt.

 

Über Büroräume sagte De Lucchi vor drei Jahren in einem Interview mit dem Manager Magazin, dass sie so interessant für Gestalter seien, "weil sie keine zwingend notwendigen Funktionsräume mehr sind, sondern man Gründe schaffen muss, warum man da überhaupt hingehen sollte". Seine Lampe Tolomeo gilt als so erfolgreich, weil sie Gestalt und Funktionalität, Lifestyle und Technologie glücklich vereint. De Lucchi erklärt ihre Beliebtheit damit, dass sie wirkt vertraut wirke: "Technik wirkt doch oft sehr aggressiv. Tolomeo ist überhaupt nicht aggressiv. Man kann sie ohne Panik benutzen, in der Küche wie im Büro. Das hat etwas Tröstliches." Anlässlich von 30 Jahren Tolomeo widmet ihm der Architektursalon von Gerkan in Hamburg eine Retrospektive, die noch bis zu diesem Sonntag läuft.

 

Website Michele De Lucchi: www.micheledelucchi.it

Artemide: www.artemide.de

Architektursalon von Gerkan Hamburg: www.gmp-architekten.de

Interview Michele De Lucchi: "Objekte müssen uns das Gefühl geben, wir selbst zu sein" Manager Magazin vom Dezember 2014

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