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von Simone Kaempf Fotos Prestel Verlag, CW Pencil Enterprise

Ko-hi-Noor oder das Geheimnis des Bleistifts

Schreibkultur war noch nie ganz aus der Mode – im Moment erlebt sie neue Konjunktur. Handgeschriebenes boomt, und damit Hefte, Radiergummis, Bleistifte und andere Dinge auf dem Schreibtisch. Das Buch "Schreibwaren. Die Rückkehr von Stift und Papier", gestaltet von dem italienischen Grafik-Designer Luca Bendandi, beschreibt die Entwicklung und kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.

Erst war es nur ein einfaches Notizbuch, das die beiden jungen Buchdrucker im Bleisatzverfahren druckten, eine limitierte Auflage von 500 Stück, zweifarbig auf blauem Papier. Susana Vilela und Nuno Neves wollten ausprobieren, wie man etwas Neues herstellen kann mithilfe traditioneller Typen und Ornamente, mit denen früher Visitenkarten, Quittungen oder Briefpapier gedruckt wurden. Davon erzählen sie sehr sympathisch in dem Band "Schreibwaren. Die Rückkehr von Stift und Papier", der vor einigen Monaten erschienen ist. Im Falle eines Flops wären sie bis ans Ende ihrer Tage mit Notizbüchern ausgestattet gewesen. Aber so weit musste es nicht kommen, Liebhaber fanden sich genug.

 

Heute, nach 13 Jahren, exportiert ihre in Lissabon ansässige Manufaktur Publicações Serrote ganz unterschiedliche Hefte, Blöcke, Notizbücher in 20 Länder. Mit Tendenz zu weiterer Expansion. Und sie sind nicht allein: so wie sie erleben gerade weltweit viele der Manufakturen, Druckereien und Designer einen Aufschwung, die sich den kleinen Dingen auf dem Schreibtisch verschrieben haben. Die Digitalisierung ist aus dem beruflichen und privaten Alltag nicht mehr wegzudenken. Als Gegenbewegung erlebt die Schreibwarenkultur eine Renaissance. Handlettering-Kurse boomen, in denen dekoratives Schreiben geübt wird. Feder, Tinte, Bleistifte, Radiergummi sind wieder im Focus, und zwar richtig.

 

Der jüngst erschienene Band "Schreibwaren. Die Rückkehr von Stift und Papier" bietet einen guten Überblick über die derzeitige Entwicklung. Der in Berlin lebende italienische Grafik-Designer Luca Bendandi (der auch den Berliner Vintage-Shop Inkwell betreibt) porträtiert darin Designer, die mit der Neu-Gestaltung experimentieren oder Drucker und Produzenten wie etwa Publicações Serrote. Das niederländische Büro Daphna Laurens wird vorgestellt, das innovative Büroklammern in alter Industriedesign-Manier entwirft: die Entwürfe werden erst auf Papier gezeichnet, dann aus Federstahl nachgeformt. Das Pariser Atelier Tampographe Sardon stellt Stempel her, deren ausgefallene Motive nur noch wenig mit alten Firmenstempeln zu tun haben. Oder man erfährt, wie der japanische Hersteller Nakajima Jukyudo jüngst mit einem verstellbaren Bleistiftspitzer auf sich aufmerksam machte.

Aber das Buch widmet sich auch den Design-Klassikern der Schreibkultur und erzählt ihre Geschichte. Vor allem Bleistiften räumt "Schreibwaren" im ersten Teil viel Platz ein (Herausgeber Bendandi ist selbst Bleistiftsammler), bringt einem kurzweilig nahe, was einen tschechischen Koh-i-Noor ("seidiges Handgefühl") von Fabers grün lackiertem Castell ("für Techniker und Architekten") oder einen Blackwing von einem Venus Pencil unterscheidet. Einer wie der andere genießt Kultstatus in der Sammlerszene. Vom Nostalgie-Bonus profitiert der Band jedoch weniger als von der innovativen Generation Designer und Schreibwarenhändler, die zu Wort kommt.

 

In dreißig Kurz-Texten und -Interviews reflektieren und mutmaßen sie, warum sich in der Szene gerade viel bewegt, sprechen über den Drang der um die Jahrtausendwende geborenen Millennials nach analogen Erfahrungen, der sich etwa im Comeback der Vinyl-Schallplatte äußert und auch die Schreibkultur erfasst hat. Diese informative Mischung macht den Band lesenswert und inspirierend. Zu guter Letzt ist das Buch hochwertig auf offenporigem Papier gedruckt, im leichtem Retro-Look schon visuell um einiges griffiger als amorphes Digitales. Ganz so wie die Schreibwaren, die es beschreibt.

Schreibwaren. Die Rückkehr von Stift und Papier, Prestel Verlag 2016, Konzept von Angela Nicoletti und Luca Bendandi, Text von John Z. Komurki, 208 Seiten, 29,95 Euro



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