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Simone Kaempf Fotos All Things Letters

Neue Lust am Handgeschriebenen

Handlettering-Schriftzüge sieht man seit kurzem überall: auf T-Shirts, auf Buchcovern, auf Speisekarten in Szene-Cafés. Ist das Dekoration, Mode oder tatsächlich ein Gegentrend dazu, dass man selbst private Brief heute auf der Tastatur schreibt? Mehr dazu von der Hamburger Grafikdesignerin Chris Campe.

Chris Campe: Bis vor ein paar Jahren gab es den Begriff noch gar nicht in Deutschland, mittlerweile ist Handlettering eingeführt. Doch ich habe den Eindruck, wenn man 'Handlettering' sagt, stellen sich alle diese schnörkeligen Schreibschriften in schwarz auf weiß vor, zum Beispiel Sinnsprüche, die als Dekoration dienen. Das ist sicher eine Ebene. Dann gibt es auch im Packaging viele Produkte mit Schriften, die eine handgemachte Anmutung haben. Dass das gerade so beliebt ist, hat vermutlich damit zu tun, dass viele Menschen viel Zeit am Rechner verbringen, alles Mögliche glatt ist und man nur noch drüber wischt. Klingt ein bisschen nach Küchentisch-Psychologie, aber man springt umso mehr darauf an, wenn wieder etwas aussieht wie handgemacht oder eine Haptik vermittelt.

 

Sie bieten Handlettering-Kurse auch für Privatleute an. Wer kommt zu Ihnen, um die Schrifttechnik zu lernen?
Es kommen überwiegend Gestalter. An Gestalter adressiere ich die Kurse, aber etwa ein Drittel sind auch Teilnehmer, die Handlettering als Hobby betreiben, die es privat interessiert oder die übers Schreiben Zugang haben. So wie ich Handlettering anbiete, ist es schon auch eine Fachfortbildung für diejenigen, die sagen, ich arbeite nur noch digital, eigentlich würde ich auch gerne mal wieder einen Stift in die Hand nehmen und mich mit handgestalteter Schrift befassen. Mich selbst interessiert das rein Dekorative nicht so sehr, und es macht Spaß, mit Leuten zu arbeiten, die ein geschultes Auge und Sinn für Ästhetik haben. Die ambitionierten Laien, die an den Kursen teilnehmen, haben sich meist schon mit Handlettering beschäftigt und wollen genauer verstehen, wie das eigentlich funktioniert und was für ein Schriftfachwissen dahinter steht.

 

Handschrift galt lange als Beleg für die eigene Person und Persönlichkeit. Steckt davon auch ein wenig hinter dem Wunsch, neue Schreibtechniken zu erlernen?
Für manche schon. Aber erstmal geht es nicht darum, die Handschrift zu optimieren. Die Begrifflichkeiten sind da etwas unklar. Handlettering hat wenig mit Handschrift zu tun. Wer eine Sauklaue hat, kann sich trotzdem im Handlettering hervortun, weil es nicht in einem Zug geschrieben wird und sehr stilisiert ist. Man bricht die Buchstaben runter in einzelne Formen und baut sie daraus wieder aus. Im Grunde ist es eine gezeichnete Schrift. Das vermischt sich in dem momentanen populären Verständnis mit kalligraphischen Techniken. Denjenigen, die schöner schreiben wollen, rate ich viel Handlettering zu üben, mit der Zeit wirkt sich das auch auf die Handschrift aus. Bei den Übungen, die wir im Workshop machen, sieht man nach ein, zwei Stunden meistens schon Eigenständigkeiten. In der Anmutung scheint dann individueller Charakter oder Temperament durch.

 

Woher stammen die Alphabet-, Stil und Ornamentvorlagen? Sie ähneln sich oft, und doch scheint jeder Gestalter seine eigenen Vorlagen zu nutzen.
Viele, die auf dieser dekorativen Ebene unterrichten, haben fertige Vorlagen mit 26 Buchstaben. Bei mir lernt man acht Grundstriche und baut daraus Buchstaben auf. Ich finde das viel einfacher, und als Gestalterin will ich verstehen, was ich mache. Vielleicht ist Lettering bei mir deswegen strukturierter und modularer. Mein Stil baut grob auf einer englischen Schreibschrift auf, einem relativ strengen kalligraphischen Stil. Er wird aber mit einem anderem Werkzeug geschrieben, einem Pinsel, mit dem man andere Formen bekommt und mehr Lockerheit. Ich versuche immer mitzuvermitteln, dass die Formen mit dem Werkzeug zusammenhängen und dass diese nicht beliebig sind. Ein Schreibschrift-a hat eben Ähnlichkeit mit einem Schreibschrift-d. Das ganze typographische Hintergrundwissen finde ich wichtig.

 

Welches Papier, welche Schreibgeräte und Pinsel benutzen Sie?
Man kann diese Art von Schreibschrift mit Strichstärkenkontrast, also unterschiedlich breiten Strichen, die sich rhythmisch abwechseln, im Grunde mit jedem Stift schreiben, der auf Druck reagiert. Mit einem Filzstift, der ein bisschen flexibel ist, funktioniert das An- und Abschwellen des Strichs genauso. In den Workshops arbeite ich mit Pinselstiften von Pentel. Das sind Stifte, die synthetische Borsten haben wie ein Pinsel und eine robuste Spitze, die lange in Form bleibt. Damit kann man sehr feine und sehr breite Striche machen und hat einen guten Widerstand. Die Pentel-Pinselstifte lassen eine gewisse Bandbreite zu, das ist am Anfang etwas schwierig, aber dann dankbar, wenn man sich eingearbeitet hat. Als Papier verwende ich schlichtes Kopierpapier, nicht ganz glattes und nicht das allerbilligste, aber einfaches Papier. Das ist psychologisch von Vorteil, weil man so keine Angst haben muss, teures Papier zu verschwenden.

 

Sie unterrichten in diesen Tagen gerade in Kiel an der Kunsthochschule. Lernen Studenten die Technik bereits? Wird sie uns im Alltag zukünftig noch weiter begleiten?
Die Studenten haben natürlich Seminare über Schriftgestaltung und Typographie. Was ich anbiete, ist ein interdisziplinärer Workshop, in dem ich vermittele, wie man erzählerisch mit handgestalteter Schrift umgeht, also schon durch die Formen der Buchstaben Stimmungen und Inhalte vermittelt. Mit Handlettering kommt man derzeit viel in Berührung, wie Sie es anfangs gesagt haben. Wer sich für Schrift interessiert, will die Techniken im Moment einfach mal ausprobieren. Ob die Renaissance der Handschrift mehr als eine Modeerscheinung ist – das werden wir sehen.

CHRIS CAMPE, Jahrgang 1979, ist Gestalterin in Hamburg. Vor drei Jahren gründete sie ihr Designbüro All Things Letters, gibt regelmäßig Kurse über den Umgang mit handgestalteter Schrift und veröffentlichte zuletzt im Haupt Verlag das "Handbuch Handlettering".

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