Statement/Interview

von Interview Simone Kaempf Fotos St. Oberholz/Sparda (3), Carolin Saage (1)

"Flexibilität ist das Zauberwort"

Die Sparda Bank und das Berliner St. Oberholz kooperieren und initiieren zusammen einen Coworking Space, das Blok-O, das im Oktober in Frankfurt (Oder) eröffnet wird - ein ungewöhnliches Projekt selbst für die untriebige Coworking-Szene. Mehr darüber von Tobias Kremkau, Projektleiter und Mitarbeiter des Café&Cowork St. Oberholz.

Das "St. Oberholz" ist in Berlin der Inbegriff des Coworking Space. Auch wenn es den Begriff noch gar nicht gab, als Ansgar Oberholz im Jahr 2004 über das Konzept für ein Kaffeehaus nachdachte und die Eröffnung eines neuen urbanen Cafés plante. Das "St. Oberholz" bot von Anfang an freies Wifi, genügend Steckdosen und verschiedene Sitzmöglichkeiten und lockte damit binnen kurzer Zeit die Gäste zum Arbeiten an. Mittlerweile gehören auch zwei eigene Berliner Coworking Spaces dazu. Nun eröffnet man erstmals außerhalb Berlins eine Bürofläche.

 

Unter Leitung des St. Oberholz wird derzeit in Frankfurt (Oder) ein Coworking Space initiiert, Blok-O, der im Oktober eröffnet wird. Die Stadt hat man nicht unbedingt auf der Rechnung. Wie kamen Sie dorthin?
Tobias Kremkau: Wir machen das Blok-O zusammen mit der Sparda-Bank Berlin. Das hat natürlich eine Geschichte: Der Mietvertrag der Sparda-Bank Filiale läuft nächstes Jahr aus, und im vergangenen Jahr hat die Sparda-Bank in Frankfurt (Oder) eine andere Immobilie angeboten bekommen, die aber viel zu groß ist für eine Bank-Filiale. Banken denken im Moment viel über neue Nutzungskonzepte für ihre Flächen nach. Oder sie schließen, das wäre die Alternative. Die Sparda wollte nicht schließen und bei der Überlegung, wie man Flächen umnutzt, landeten sie bei uns. Wir haben zusammen ein Konzept entworfen für einen Coworking Space, in dem das Filialteam arbeitet. Wenn man zur Bank will, geht man fortan ins Blok-O. Der Service einer Filiale und das Team bleiben dort erhalten, der Raum verändert sich aber.

 

Und für die anderen Räume hat man die Viadrina-Universität mit dem Kompetenzzentrum und der Gründer-Szene im Visier?
Ja, klar. Aber das Interessante an Frankfurt (Oder) ist: Die Stadt hat ein Potential. Nachdem wir mit der Planung angefangen haben, hat sich vor Ort erst gezeigt wie groß die Möglichkeiten in Wahrheit sind. Ich weiß nicht genau, ob es eine Mentalitätsfrage ist, aber man zeigt dort nicht so recht, was man kann und hat und gibt damit nicht an. Die Fläche beträgt 750 Quadratmeter, inzwischen weiß ich, dass wir auch zehn Mal so viel voll bekommen könnten. Wir hätten der Sparda-Bank auch sagen können, das macht in Frankfurt (Oder) keinen Sinn. Aber wir fanden, es macht Sinn und wie sinnvoll es ist, zeigt sich jetzt in aller Gänze im laufenden Prozess. Ich glaube, dass wir in Zukunft in der Doppelstadt an der Oder mehr Coworking Spaces sehen werden.

 

Wer fragt in Frankfurt (Oder) flexible Büroflächen nach?
Das eine sind natürlich Start-ups aus der Uni. Die Viadrina ist die gründungsstärkste Uni des Landes Brandenburgs, dank des eigenen Gründungszentrums. Noch gibt es zwar Leerstand in der Stadt, aber wenig entwickelte Bürofläche, weswegen viele Start-ups bisher nach Berlin umzogen. Dann gibt es eine große Gruppe von Freelancern, die zuhause arbeitet oder nach Berlin pendelt. Die dritte Gruppe ist die Kreativszene, die eher in Slubice angesiedelt ist. Diese drei Gruppen werden verschiedene Bereiche im Blok-O füllen. Start-ups gehen erfahrungsgemäß eher in Team-Räume, Freelancer in den Open Space. Aber wir haben auch schon von ganz normalen mittelständischen Unternehmen Anfragen. Und beim Stadtfest mit dem Tag der offenen Türen zeigten auch Selbstständige Interesse, eine Anwältin, die Home Office arbeitet, oder ein Baustatiker, der einen Raum sucht, wo er sich mit Kunden treffen kann. Ich weiß noch nicht, wie es konkret in Frankfurt (Oder) wird, aber im bundesweiten Durchschnitt aller Coworking Spaces machen Event- und Konferenzräume bis zu 40 Prozent des Umsatzes aus. Als bekannt wurde, dass wir das Blok-O planen, traten die Menschen auf uns zu. Das meine ich damit, dass man das Potential nicht auf den ersten Blick sieht, wenn man von außen draufschaut. Und eine These trifft bei Coworking immer wieder zu: die Nachfrage entsteht mit dem Angebot, nicht umgekehrt.

 

Wie werden die Büroflächen aufgeteilt und eingerichtet sein?
Wir machen das nicht anders als bei der Planung für andere Coworking Spaces. Einzig bei den Team-Räumen gibt es noch die Frage, wie klassisch sind die eigentlich eingerichtet? Es sind ja keine richtigen Büros, aber nah dran. Das heißt, wir haben Räume, die wir nach Arbeitsstättenverordnung einrichten für Mitarbeiter aus Unternehmen und wir haben Räume für Teams und Start-ups, die anders arbeiten. Die Möbel wählen wir so aus, dass man etwa einen Block bauen kann, um den alle herumsitzen, aber auch Einzeltische anbietet, die beispielsweise an der Wand stehen.

 

Kann man die Grundrisse verändern, Räume verkleinern oder vergrößern?
Das ist auch vorgesehen. Wir haben zum Beispiel zweimal zwischen zwei Team-Räume eine faltbare Wand eingebaut. Heißt, wir können bei Bedarf auch bis zu zwei große Team-Räume anbieten. Das ist Best Practise, die wir hier umsetzen. Flexibilität ist das Zauberwort. Im Coworking Space kann es keine festdefinierten Räume geben. Die offenen Bereiche fürs Hotdesking, also freie Wahl des Arbeitsplatzes, bietet man vielleicht bis 18 Uhr an. Dann muss man die Tische rausräumen können und in eine Eventfläche verwandeln. Jeder Raum muss zwei, drei Funktionen erfüllen. Stellen wir fest, es gibt weniger Team-Raum-Anfragen, aber mehr Konferenzraum-Anfragen, dann müssen wir umbauen können.

Wie geht man mit der Akustik um?
Das leiten wir vom Gebäude ab und vom Nutzungskonzept. In großen, halligen Räumen ist Akustik immer ein Thema. Andererseits ist es im offenen Bereich mit vielen Menschen in Coworking Spaces meistens sehr still, weil jeder konzentriert an seiner Sache arbeitet. Wir haben das beachtet in Materialien und schallschluckenden Lösungen, aber es gibt da keine Blaupause für uns.

 

Welche Erfahrungen sind konkret noch eingeflossen aus dem Café St. Oberholz und den beiden Coworking Flächen in Berlin-Mitte?
Das Café-Konzept. Und zwar nicht einfach, dass es ein Café gibt, sondern dass Specialty Coffee angeboten wird. In Berlin ist das Standard und war immer schon ein wesentlicher Kern von Coworking. Specialty Coffee hat zu tun mit dem Anbau der Kaffeebohne, welche Sorte, in welcher Höhe, unter welchen Bedingungen und wie sie danach verarbeitet wird. Wir bringen dieses Wissen mit und das macht den Ort auch in gastronomischer Sicht einmalig in der Stadt. Das zweite: was Flexibilität angeht, ist Berlin-Mitte natürlich weiter. In Berlin bieten wir Stundentickets. In Frankfurt (Oder) braucht es als kleinste Einheit im Moment nur ein Tagesticket, aber Coworking verändert sich und ist im Fluss. Intelligente Türen sind auch ein Thema, mit dem wir Erfahrungen haben und Wissen mitbringen. Denn Coworking Spaces sollten 24-Stunden am Tag nutzbar sein. Wir werden mit all dem auch in Frankfurt (Oder) wieder eigene Erfahrungen sammeln, schauen und reagieren.

TOBIAS KREMKAU, Jahrgang 1985, arbeitet für das Café&Coworking Space St. Oberholz und kümmert sich als Projektleiter um den Coworking Space Blok-O. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er das Institut für Neue Arbeit (IfNA) gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Er hat Politikwissenschaft studiert, bevor er u. a. für Unternehmen wie McKinsey & Company Inc., Tumblr Inc., Bündnis 90/Die Grünen, das Internet & Gesellschaft Co:llaboratory und die Netzpiloten AG arbeitete, ist Mitgründer der German Coworking Federation (GCF) und Mitorganisator der jährlich stattfindenden COWORK, der größten Konferenz mit Barcamp der deutschsprachigen Coworking-Branche.


sanktoberholz.de

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