Material/Technologie

Simone Kaempf Fotos Eva Jünger, Matthias Ritzmann

Supermatte Soft Touch Oberflächen boomen

Die italienische Firma Arpa Industriale brachte im Jahr 2013 ein innovatives Soft Touch Material auf den Markt: Fenix Arpa. Der Schichtstoff hat sich für Arbeits- und Konferenztische auch bei VARIO durchgesetzt, ist kratz-, abrieb- und säurefest, verleiht Oberflächen einen weichen, samtigen Touch. Mehr über das Material von Gestalter Klaus Michel.

Die Entwicklung und der Einsatz supermatter Oberflächen ist noch relativ jung. Was ist bei Soft Touch Material anders als bei anderen Materialien?
Klaus Michel: Eine matte Oberfläche entsteht immer durch eine aufgeraute Oberfläche. Wenn man sie nun mit den Händen berührt, hinterlassen die Finger sofort Spuren und setzen der Oberfläche zu. Genauso ist das zum Beispiel bei hochspiegelnden Oberflächen. Wenn man auf spiegelnde Oberflächen fasst, sieht man das auch sofort. Das war bis jetzt das Problem. Die neuen Soft Touch Oberflächen funktionieren anders, Fingerabdrücke bleiben unsichtbar.

 

Welche Technik steckt dahinter und wie wirkt das noch auf die besonderen Eigenschaften des Materials?
Das genaue Patentrezept kenne ich nicht, aber durch den Aufbau des Schichtstoffs entsteht eine Oberfläche, die sich nicht verändert, wenn man das Material berührt. Es ist kratz- und säurefest, gegen Gebrauchspuren weitgehend resistent und hat sehr angenehme haptische Eigenschaften. VARIO hat die Soft Touch Oberflächen seit zwei Jahren im Programm, das Material ist sehr pflegeleicht und setzt sich mehr und mehr durch. Seit Mitte der 80er Jahre hatte VARIO auch Desktop-Linoleum im Angebot, auf Grund der drastisch sinkenden Nachfrage wird es jetzt leider aus dem Programm genommen.

 

Früher wollte man Hochglanzoberflächen, jetzt werden supermatte Oberflächen nachgefragt und die Wünsche bei der Oberflächengestaltung verändern sich. Ist das auch ein modischer Trend?
Es war immer schon ein Wunsch, hochmatte Oberflächen zu haben, aber es war technisch nur bedingt möglich. Natürlich gibt's aber zu jedem Trend auch einen Gegentrend, das sieht man bei Automobilen. Nach der Phase der Hochglanzlacke gibt es seit einiger Zeit die extremen Mattlackierungen, die eine komplett andere Anmutung verleihen. Wobei das eigentlich kein Lack ist, sondern Folien benutzt werden.


Linoleum hatte eigentlich auch eine matte Anmutung. Weswegen hat sich das Material nicht durchgesetzt?

Linoleum hat wirklich sehr gute Eigenschaften, ist biologisch abbaubar, weil es aus Kork, Leinöl und Zitronen- oder Orangenextrakt als Kleber besteht. Von der Haptik entspricht es Soft Touch. Wir reden von Desktop-Linoleum. Das ist etwas anderes als Fußboden-Linoleum, und es ist weitaus dünner, 2 Millimeter statt 3 Millimeter, auf Pappe angebracht statt auf Jute. Deswegen hat es auch eine homogene Oberfläche. Es ist ein bisschen weich, gibt nach, wenn man darauf schreibt, ähnlich dem Leder, mit dem man früher exklusive Arbeitstische bezogen hat. Und es ist antibakteriell und damit eigentlich hervorragend für Arbeitstische geeignet. Der Nachteil ist, dass es auf UV-Licht reagiert, und es ist relativ pflegeintensiv, es verschmutzt leider schnell.

 

Weshalb es sich für Arbeitstische nicht durchgesetzt hat?
Ja, vor allem auch für Konferenztische nicht. Für den persönlichen Bereich ist es besser nutzbar, man muss halt regelmäßig mit Putzmittel ran, dann geht's. VARIO nimmt Linoleum wieder aus dem Oberflächenprogramm, man muss nochmal neu schauen und überlegen, wie man es für den Büro-Bereich nutzen könnte. Denn eigentlich ist es als Material ein Besonderes.

 

Welche Möbel werden mit Soft Touch Oberflächen angeboten?
Alle. Man kann auch Möbelfronten in Soft Touch Oberflächen haben, allerdings wird das dann recht kostenintensiv. Sinnvoll ist das Material vor allem bei Tisch-Oberflächen, an denen gearbeitet und die Platte beansprucht wird. Bei Regalen und Stauraummöbeln rechnen sich so große Flächen zusammen, dass es dafür andere sinnvolle und auch preisgünstigere Lösungen gibt. Spannend bleibt auch die Frage: "Wer bringt oder wann kommt die hochglänzende Oberfläche, die ähnliche Eigenschaften hat?"

 

KLAUS MICHEL, Jahrgang 1963, ist Designer und Professor an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Innenarchitektur, Furniture and Interior Design. Für VARIO entwarf er diverse Tisch-, Schrank- und Wandsysteme.

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