Trends/Messen

von Simone Kaempf Fotos Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Kantine mit Hipnessfaktor

Man nehme: einen aufstrebenden Koch, einen Sichtbeton-Neubau, einen schönen Gründerzeit-Innenhof in Berlin-Mitte und öffne für jeden Gast. Architekt David Chipperfield hat in Berlin mit diesem Rezept die Kantine seines Büros neuerfunden.

Wenn Architekten für sich selbst bauen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ihre Handschrift gibt sich jenseits eines Kompromisses purer zu erkennen. Oder es finden sich neue Konzepte für alte Räume, denen wieder mehr Beachtung geschenkt wird. In Zeiten des wachsenden Gesundheitsbewusstsein: der Kantine.

 

Die Kantine des Berliner Büros von David Chipperfield Architects ist ein Ort, an dem man beispielhaft sieht, wie bei der Neugestaltung derzeit umgedacht wird. Von Anfang an war sie nicht nur für Mitarbeiter des Büros geöffnet, sondern auch für normale Gäste von außerhalb. Ein Café oder Restaurant ist sie jedoch auch nicht. Kein Schild weist auf die Kantine hin, keine Speisekarte ist angeschlagen. Dennoch boomt es mittags, klappern innen laut die Töpfe, sind bei sonnigem Wetter Ende Oktober draußen alle Tische besetzt.

 

Chipperfield hat den Anbau seines Berliner Büros in eine typische Berliner Baulücke gesetzt. Auf der Brache entstanden insgesamt drei kubische Neubauten. Die Mitarbeiter arbeiten in einem alten Backsteinbau, einer ehemaligen Klavierfabrik zwischen August- und Joachimstraße im Bezirk Mitte. Vorne an der Straße passt sich eine hohe Sichtbeton-Fassade mit überdimensionierten Fenstern unauffällig zwischen die Gründerzeit-Häuser ein. Durch eine große Durchfahrt führt ein Kiesweg in den Innenhof. Glatter Beton, Backstein, große Glasscheiben passen wie selbstverständlich zusammen. Eine postindustrielle Architektur höchster Güte. Es mag keine besonders originelle Feststellung mehr sein, dass diese Architektur zwischen Tradition und Moderne vermittelt, und doch kann man dies hier bestaunen.


Die Kantine liegt im kleineren der Neubauten. Im Erdgeschoss bildet ein langer Marmortresen das Herzstück. Eine Treppe führt hoch in den eigentlichen Speisesaal mit hohen Sichtbeton-Wänden, großen Fenstern und langen Eichentischen im Wirtshausformat. Ein minimalistischer Raum mit Bewusstsein für Behaglichkeit. Die Kantine wird vom Koch des um die Ecke gelegenen Restaurants "Lokal" betrieben. Das ist mit einem Michelin-Bib ausgezeichnet, also quasi einem halben Stern, und repräsentiert eine generelle Entwicklung in Städten wie Berlin, Hamburg oder München: einen Qualitätsschub in der einfacheren Gastronomie. In der Kantine kann man bei Preisen um die 10 Euro zwar keine gehobene Gourmet-Küche erwarten, aber Frische, Qualität und regionale Produkte eben schon. Das Atout ist der mediterrane Innenhof mit Bänken und Tischen unter beschnittenen Akazienbäumen, geöffnet ist bis 18 Uhr.

 

Große Unternehmen wie Audi, Bahlsen oder Allianz haben jüngst mit Neugestaltungen ihrer Betriebskantinen vorgelegt als Ausdruck einer veränderten Unternehmenskultur, rekrutieren Spitzenköche oder sorgen für behaglichere Räume. Audis neue Betriebskantine in Ingolstadt wurde etwa vom Münchner Büro Behnisch umgebaut. Aber wenn man einen ruhigen Ort sucht, mit dem Wunsch nach Qualität, wo Architektur, urbane Eleganz und Hipnessfaktor zusammen kommen, ist man in Chipperfields Kantine gut aufgehoben.

 

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Zehn Empfehlungen für Kantinen, Zeit Magazin vom 15. November 2017

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