Grundlagen/Wissen

von Simone Kaempf Fotos S. Fischer Verlage

"Acht Stunden mehr Glück"

Maike van den Boom ist sechs Monate lang durch Skandinavien gereist und hat Mitarbeiter in 30 Unternehmen befragt, warum Menschen in Schweden oder Norwegen glücklicher arbeiten. "Acht Stunden mehr Glück" heißt ihr Buch, das einem die flexiblere, weniger hierarchische skandinavische Arbeitswelt näher bringt.

Zuviel verlangt, dass Arbeiten auch glücklich machen soll? Ist es nicht, in Skandinavien klappt das sogar ziemlich gut, stellt Maike van den Boom gleich am Anfang ihres Buchs fest und beruft sich auf Umfragen wie der Steptone-Studie aus dem Jahr 2013, demnach die Dänen und Schweden die glücklichsten Menschen in Europa sind. Dieses Glück hängt eng mit einem zufriedenen Berufsleben ab. Wer bei der Arbeit glücklich ist, führt mit großer Wahrscheinlichkeit ein rundum zufriedenes Leben, so die These, die über 400 Seiten gründlich ausgeführt wird.

 

Van den Boom interviewte für ihr Buch über zwei Jahre viele Experten und Journalisten, sprach mit Mitarbeitern aus 30 skandinavischen Unternehmen, von Bauarbeitern, Managern, Krankenpflegern über Vorstände, Start-up-Gründern oder deutschen Auswanderern. Ihre Suche nach der Glückformel führte sie zu Skandia, Snøhetta oder IKEA, immer mit dem Bewusstsein, zu erklären, was dort anders läuft als in Deutschland, und sie startete in Stockholm, der in Europa derzeit am schnellsten wachsenden Stadt mit dem nach dem Silicon Valley erfolgreichstem Technologie-Zentrum der Welt.

 

Die Botschaft, dass Skandinavier es einfach besser machen, zieht sich von der ersten Seite an durchs Buch. Van den Boom, die als Autorin, Beraterin, Rednerin und selbsternannte Glückforscherin arbeitet, ist da durchaus parteiisch und lebt derzeit selbst in Stockholm. "Ich nehme Sie huckepack mit auf meine Reise durch die Unternehmen des Nordens, auf der wir vor allem echte Menschen treffen, die leidenschaftlich arbeiten, aber auch leidenschaftlich leben wollen", schreibt sie mit viel Herzblut und manchmal auch berauscht von eigenen Temperament. Wer sich davon nicht beirren lässt, erhält am Ende ein klares Bild, wie eine hochentwickelte Unternehmen- und Arbeitskultur in Dänemark, Schweden oder Norwegen bereits all das umsetzt, wovon soviel die Rede ist: Vertrauensarbeitszeit und Home Office, flexible Arbeitszeit, Teamarbeit, und vor allem in Schweden eine Konsenskultur, die Fehler als Herausforderung statt als Scheitern betrachtet.

 

Immer wieder beschreibt van den Boom auch das große skandinavische Verständnis dafür, dass die Familie ein bedeutender Teil des Lebens ist. Sich nachmittags bereits um die Kinder die kümmern und abends die restliche Arbeit nachzuholen ist allen voran in Schweden längst ein durchgesetztes und gelebtes Modell. Und auch die Geschlechter-Gleichberechtigung funktioniere vorbildlich, weil etwa viermal soviel Elternzeittage als in Deutschland auf die Väter entfallen oder auch nach einer Trennung die Väter noch 50 Prozent der Zeit mit ihren Kindern verbringen.

 

Dass die Unternehmens-Kultur auch ihre Haken hat, erfährt man nur zwischen Zeilen. Kritik üben will das Buch nicht, sondern ermuntern und Lust machen auf flexibleres Arbeiten, weniger hierarchisches Denken, mehr Transparenz oder die Rollen im Berufs- und Privatleben stärker anzunähern. Wenn es dann heißt, dass auch glückliche Menschen mal mies drauf sind, tankt der Ton schon mal sehr viel Pippi-Langstrumpf-Charme auf. Aber macht nichts, die Arbeitswelt ist eh nüchtern genug, aber die skandinavische tickt in dem Buch doch anders und nachahmenswert.


Maike van den Boom, "Acht Stunden mehr Glück: Warum Menschen in Skandinavien glücklicher arbeiten und was wir von ihnen lernen können", Verlag Krüger Fischer 2018, 400 Seiten, 20 Euro, www.maikevandenboom.de

(Bild: Maike van den Boom, Foto: Wolf Gatow)

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