Statement/Interview

von Simone Kaempf

Tisch aus einem Guss

Denkt man einen Sitz-Steh-Tisch eher vom Sitzen oder vom Stehen, wenn man ihn entwirft? Mehr darüber von Gerhard Bernhold und Uwe Sommerlade, Gestalter des Sitz-Steh-Tischs CHANGE.

Sie sind beide Produktdesigner, Gerhard Bernhold arbeitet aber auch an der Schnittstelle zur Architektur. Sie führen beide eigene Büros. Für den Change haben Sie sich in neuer Konstellation zusammengetan. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Uwe Sommerlade: Wir kennen uns aus Studienzeiten in Kassel, waren zwar nicht im selben Semester, aber haben uns dort schätzen gelernt auf einer persönlichen und fachlichen Ebene. Ich kannte Dr. Kachel aus der Zeit, als er Geschäftsführer bei Mauser Office war. Als das Change-Projekt für Vario in der Luft lag, wollte ich den Sitz-Steh-Tisch aber nicht allein angehen und habe deshalb Gerhard gefragt, ob er mit mir das Projekt bearbeiten wolle. 

 

Gerhard Bernhold: Das passte gut, denn ich hatte vorher bereits unter anderem für Raumplus ein Schranksystem entworfen, bei dem auch Aluminium und Gussverfahren eingesetzt wurden. 

 

Uwe Sommerlade: So kam ich darauf, dass er der Richtige wäre. Und ich hatte einfach auch Lust, wieder ein Projekt im Team zu machen, daraus hat sich das entwickelt. 

 

Die Aufgabenstellung, mit Aluminium zu arbeiten, stand von Anfang an fest?

Uwe Sommerlade: Alles war ganz offen, und Vario war durchaus bereit, Investitionen zu tätigen. Was überhaupt nicht selbstverständlich ist, denn häufig erhält man Briefings, bei denen die Kosten so sehr im Vordergrund stehen, dass es gar nicht möglich ist, überhaupt an solche Materialien und Technologien zu denken. Aber Vario wollte ein eigenständiges und hochwertiges Produkt und so bestand die Möglichkeit, in Guss-Werkzeug zu investieren. 

 

Gerhard Bernhold: Darin lag die Chance und dadurch ist Change so entstanden, wie es jetzt geworden ist. Ein sehr hochwertiges Produkt mit den charakteristischen Details, dass C- und T-Fuß weitgehend identisch sind und sich formal nicht unterscheiden. Außer eben, dass die Säule beim C-Fuß etwas weiter hinten steht. Ohne die Investition in Gussteile hätte man das in dieser Form nicht so ohne weiteres realisieren können. 

 

Oft sind Büro-Tische irrsinnig schwer. Aluminium ist leicht. Ist das der große Vorteil bei der Verwendung des Materials?    

Gerhard Bernhold: Das ist das Eine. Die Verwendung von Aluminium für den Fußausleger und die äußere Säule macht den Tisch leichter. Aber auch ansonsten ist die Konstruktion sehr aufgeräumt und reduziert. Es gab nach der Präsentation angenehm erstaunte Kommentare, dass man noch nie einen auch unten so aufgeräumten gesehen hat. Unser Ziel war es, ein Design zu entwickeln, das maximal klar und zurückgenommen ist und das haben wir auch erreicht.

 

Change ist ein reiner Sitz-Steh-Tisch. Wie denkt man so einen Entwurf, wenn man ihn angeht: vom Sitzen oder vom Stehen? 

Uwe Sommerlade: Sowohl als auch. Die Anmutung ist von beiden Situationen her zu denken und das ist die Schwierigkeit, aber auch die Herausforderung. Die Proportionen eines solchen Tischs verändern sich völlig, wenn sie ihn im Sitzen oder im Stehen nutzen. Mit der herausfahrenden Teleskop-Säule muss man gestalterisch umgehen. Unsere Herangehensweise war zu sagen: Unten haben wir ein Element, bei dem Fuß und Säule eine Einheit bilden. Beide Teile verschmelzen durch den weichen Radius miteinander. Und aus dem Fuß, der immer der gleiche ist, egal ob ich sitze oder stehe, wächst dann diese Säule heraus. Der Fuß ist das charakteristische Element, das die Seitenansicht prägt und immer dasselbe bleibt. 

 

War das auch entscheidend dafür, das der Tisch mit dem red dot award ausgezeichnet wurde? Was wurde von der Jury besonders herausgestellt?

Uwe Sommerlade: Ich weiß gar nicht, ob etwas besonders herausgestellt wurde. Man muss es so sehen: Der Fuß ist sehr elegant und sehr eigenständig. Ich kenne sonst kein Sitz-Steh-Möbel, bei dem der Fuß so gestaltet ist. Zu der formalen Herausforderung bei der Bearbeitung dieses Themas kommt hinzu, dass die Möglichkeiten bei der Gestaltung von Büroarbeitsplätzen durch Normen sehr eingeschränkt sind. 

 

Gerhard Bernhold: Wenn man sich umschaut, welche Steh-Sitz-Arbeitstische angeboten werden oder Prospekte durchblättert, denkt man oft, wo liegt jetzt der Unterschied? In dem Zusammenhang sind der Fuß und die äußere Säule vom Change schon etwas sehr Besonderes.

 

Wenn die Vorschriften so eng sind, war es auch deswegen von Vorteil, den Tisch zu zweit zu entwerfen?

Uwe Sommerlade: Das Schöne an der gemeinsamen Bearbeitung des Projekts waren die unterschiedlichen Ausgangssituationen. Da ich fast ausschließlich im Produktdesign zuhause bin und Gerhard schwerpunktmäßig in der Architektur tätig ist, konnten wir gemeinsam meine Detailkenntnisse und sein Wissen von der Anwendung der Produkte in die Produktentwicklung  einfließen lassen.

 

Gerhard Bernhold: Ja, viele Produkte werden losgelöst von der Anwendung entwickelt und lassen sich dann häufig nur bedingt in Büroumgebungen sinnvoll platzieren. Und natürlich sind diese Erfahrungen eingeflossen. Unsere Arbeit war über die reine Gestaltung hinaus ein ständiges Ringen um Funktionalität, Details, Herstellungstechniken, Wirtschaftlichkeit und Anwendungsnutzen. Aber genau das ist Design.

 

Uwe Sommerlade: Es war sehr gut, sich aus unterschiedlichen Positionen mit dem Entwurf auseinanderzusetzen. Wenn wir miteinander reden, dann wissen wir, was der andere meint. Wir sprechen dieselbe Sprache. Und zu guter Letzt haben wir beide einen konstruktiven Arbeitsansatz, das ist gerade bei so einem Projekt wichtig und unerlässlich.

  

 

GERHARD BERNHOLD, Jahrgang 1966, studierte Design in Kassel und arbeitete anschließend sechs Jahre als fest angestellter Designer beim Sitzmöbelhersteller Kusch & Co. Anschließend gründete er 2001 in Hamburg sein eigenes Planungsbüro planit4, das für internationale Unternehmen, sowie für Unternehmen des Health & Care Bereichs erfolgreiche Architektur, Innenarchitektur und Produktdesign gestaltet.

 

UWE SOMMERLADE, Jahrgang 1961, studierte nach der Tischlerlehre in Kassel Design. 1991 gründete er mit zwei Partnern das Büro Lepper Schmidt Sommerlade designer. Seither entwickelt er für renommierte Firmen international erfolgreiche Produkte. 2011 gründete er sein eigenes Studio. 

 

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