Blick hinter die Kulissen

von Anton Flechtner, Geschäftsführer VARIO Fotos Eva Jünger

Digitalisierung bei VARIO

Modularisierung, Individualisierung, Sonderanfertigungen werden immer wichtiger bei der Entwicklung leistungsfähiger Büro-Einrichtungen – Digitalisierung macht es möglich. Auch bei VARIO nimmt der Grad der Digitalisierung derzeit zu. Wir gehen einen wichtigen Schritt mit der parametrisierten Produktion und der Umstellung aufs neue ERP-System "20.20 Insight". Was passiert da gerade? Mehr von VARIO-Geschäftsführer Anton Flechtner.

In der Möbelbranche steht Digitalisierung derzeit ganz oben auf der Tagesordnung. Um das Thema kommt niemand herum. Nur von digitaler Produktion zu sprechen, ist allerdings irreführend. Denn gemeint ist eigentlich der komplette Ablauf von der Büroraumplanung und Angebotserstellung über die Fertigung bis zur Auslieferung. Diese Kette soll ein durchgehender digitaler Prozess werden. Die Produkte bleiben für uns natürlich, wie sie sind: qualitativ gefertigt, anfassbar, mit Anspruch an Ästhetik und Dauerhaftigkeit. Nur, dass individuelle Kundenwünsche noch viel besser zu erfüllen sind.

 

Die Voraussetzungen dafür sind auch schon länger geschaffen. Fast alle Büromöbelhersteller generieren die sogenannten OFML-Daten für den pCon.planner, den es schon seit vielen Jahren gibt und der als 3D-Planungsprogramm für die Möbelbranche geschaffen wurde. Mit diesen Daten können alle unsere Produktserien zum einen konfiguriert werden und zum anderen dreidimensional abgebildet werden. Man ruft sich zum Beispiel aus dem VARIO-Programm das Tisch-System ICON auf. Der Tisch erscheint in der Anzeige, man kann sich nun die Breite einstellen, die Tiefe, die verschiedenen Farben. Alle Varianten, die man in der Preisliste findet, stehen zur Verfügung, um sich das Produkt zu konfigurieren und anzuschauen. Die erstellte Produktvariante lässt sich direkt für die Büroraumplanung im pCon.planner einsetzen.

 

Ganze 3D-Bürolandschaften lassen sich erzeugen und beispielsweise auch fotorealistisch rendern, so dass der Kunde ein Bild von seinem zukünftigen Büro erhält. Aus den so konfigurierten Produkten ließ sich bisher ein Angebot für den Kunden oder auch eine Bestellung an uns erstellen – in Form einer Artikelliste. Zur Auftragseingabe musste dann diese Artikelliste händisch in unser altes ERP-System übertragen werden, anhand der Artikelnummern. Unser neues ERP-System gibt die Möglichkeit die konfigurierten Daten direkt zu übertragen und als Auftrag einzulesen – weil die Produktdaten im pCon.planner und im neuen ERP-System sich eins zu eins entsprechen. Eine manuelle Schnittstelle wird damit zu einem digitalen Schritt im Prozess. Und steht beispielhaft für viele weitere bisher manuelle Schnittstellen, die zum Großteil wegfallen.

 

Schnelligkeit, Fehlerfreiheit
Man kann es am Beispiel des Tischs auch nochmal anders erklären: ein Kunde wünscht sich einen Tisch, dessen Tischplatte auf einer Seite zehn Zentimeter überstehen soll. Bis heute musste dafür eine neue Zeichnung der Tischplatte angelegt werden, die in der Fertigung eingegeben und in Maschinensprache verwandelt wird. Ein typischer Bruch innerhalb der Abläufe. Mit Einführung unseres neuen ERP-Systems lässt sich dieser Überstand auf den Zentimeter genau im Produkt konfigurieren – und alles weitere wie anderer Materialverbrauch, andere Kantenlängen, andere Bohrungen erzeugt sich bis zur Maschine automatisiert. Das bedeutet Beschleunigung der Abläufe und vor allem Fehlerfreiheit.

 

Für die Händler wird es einfacher, mit uns zu korrespondieren. Wer seine Bestellung eingibt, bekommt in kürzester Zeit eine Bestätigung zum Auftragseingang. Für den Kunden ist die Schnelligkeit ein Vorteil. Und die Variabilität der Produkte steigt. Das hängt auch mit der parametrisierten Produktion zusammen, dem anderen großen Thema, das mit der Einführung des neuen ERP-Systems korrespondiert. Bisher hatten wir zum Beispiel Schränke mit Standardbreiten 60, 80, 100 oder 120 Zentimeter. Jetzt wünscht sich ein Kunde einen Schrank, der nur 115 cm breit ist, weil er ihn in die Nische stellen will oder die Wand nicht breit genug ist. Der Datensatz wird zu uns geschickt, und dann passiert das wirklich Spannende: Früher haben wir einen 120 cm breiten Schrank als Auftrag erfasst, der dann als Sonderkonstruktion behandelt wurde. Die Sonderkonstruktions-Abteilung musste die Bauteile anpassen: Unterboden, Oberboden, Rückwand, Fachböden. Jetzt gibt man das zu fertigende Maß ein. Das System rechnet sekundenschnell, und Bohrlöcher, Nuten, Schnitte verschieben sich automatisch nach einer bestimmten Logik. Zugespitzt: der Schrank konstruiert sich selber oder besser gesagt, das Programm weiß genau, wie was zu setzen ist, damit alles zusammenpasst.

 

Das alles hängt bei uns sehr eng mit der Modernisierung der Fertigungsanlagen zusammen. Wir haben in den vergangenen Jahren umfangreich in die Modernisierung der Anlagen investiert. Das ermöglicht die jetzige Digitalisierung und die Individualisierung der Möbelproduktion. Dass ein Schrank sich wie von allein konstruiert, ist zwar noch Zukunftsmusik. Aber Individualisierung der Produkte nimmt mit der parametrisierten Produktion neue Dimensionen an. Wie weit die reicht, kann man als Hersteller aber kontrollieren. Ist es zum Beispiel sinnvoll, einen 160 cm breiten Schrank zu einem 70 cm breiten umwandeln? Eher nein. Auch Änderungen in Millimeterschritten bieten wenig Mehrwert, wären theoretisch aber möglich.


Die Arbeit verändert sich dadurch, ganz klar, man braucht gut ausgebildete, kompetente Spezialisten, die das System beherrschen und bedienen können. Selbst ein einfacher Korpusschrank wird jetzt nicht einfach in vier Zeichnungen der Bauteile dargestellt, sondern man muss ihn als komplexes Datenmodell erstellen.

 

Für die Produktentwicklung bleibt genug zu tun. Um das volle Potential eines hochindividuellen Büromöbels auszuleben, braucht es nochmal neue Produktansätze und neue Möbel. Das wird der nächste Schritt sein. Jetzt haben wir unsere aktuellen Produktserien in das neue ERP-System übernommen und viele Modelle wurden in dem Zuge auch mit zusätzlichen Funktionen ausgestattet, zum Beispiel mit Höhen- oder Tiefen-Einkürzungen. Die neuen Möglichkeiten wird man mit dann mit komplett neuen Serien umfassend und vollständig ausnutzen können. Also kein so schlechter Ausblick für die Zukunft.

ANTON FLECHTNER, Jahrgang 1980, ist VARIO-Geschäftsführer und verantwortet den Bereich Technik und Entwicklung.


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