Blick hinter die Kulissen

von Simone Kaempf Fotos Möbelprogramm VARIO-contact aus dem Jahr 1972

Siegfried Krätschmer über Design und Innovation der 70er Jahre

VARIO brachte 1958 das erste flexible Baukasten-System-Möbel überhaupt heraus, das sich rasant schnell weiterentwickelte. Neue Holzverarbeitung und Kunststoff-Beschichtungen der Sechziger- und Siebzigerjahre veränderten das Design. Der erste IBM-Rechner und Ergonomie animierten zu Neu-Erfindungen, die von VARIO-Produktentwicklern ausgetüftelt wurden. Ingenieur Siegfried Krätschmer kam 1976 ins Unternehmen, mehr im Interview.  

Herr Krätschmer, die erste Generation von Baukasten-System-Möbeln kam 1958 auf den Markt. Was war das Besondere dieser Möbel?

1958 war wirklich ein entscheidender Moment. Bis dahin kannte man Büromöbel wie aus dem Möbelbau: alles war verleimt und nach Tischlerart hergestellt. Neu war nun die Idee, die Möbel nicht mehr zu verleimen, sondern kombinierbare Tischplatten, Gestelle und Schrankelemente mit Schnappverbindungen und Schlitzschienen anzubieten, aus denen man Arbeitsplätze individuell zusammenstellt. Die Entwicklung erfolgte damals in drei Schritten. 1950 stellte man erstmals ein Programm unter dem Titel "Möbel mit System" vor, 1954 entwickelte man es als Organisations-Programm weiter, allerdings blieb da noch Vieles ein Gedankenspiel. 1958 wurde dann das erste wirkliche Baukasten-System-Möbel von VARIO auf den Markt gebracht. Neben dieser neuen Flexibilität hatten die Einzelteile noch einen weiteren großen Vorteil: sie konnten viel besser bevorratet werden beim Händler oder Endkunden, die damals enorme Möbel-Lager hielten. Büro-Möbel wurden ja in großen Stückzahlen von den schnell wachsenden Unternehmen gebraucht. Zu der Zeit herrschte noch eine enorme Papier-Verwaltung. Nun wurden die Einzelteile direkt vor Ort zusammengebaut.

Wer entwickelte damals bei VARIO diese ersten System-Möbel?

VARIO war zu der Zeit ein Familien-Unternehmen, einst von Wilhelm Dichmann gegründet, der insgesamt zehn Kinder hatte. Irgendwann gab es um die fünfzig Aktionärs-Familien. In den Fünfzigerjahren arbeiteten etwa 15 Dichmann-Leute im Unternehmen. An der Spitze stand Dr. Leonhard Dichmann, der ein Daniel Düsentrieb war, ein sehr kreativer Mensch, der die Verwandten mitriss. Die Marktlage war eigentlich bestens, die Nachfrage so groß, dass man sich hätte zurücklehnen können und sich ums Aussehen der Möbel eigentlich gar nicht so viel Gedanken machen musste. Ganz anders als heute.

Lag der System-Gedanke damals bereits in der Luft?

Der Markt verlangte noch nicht danach, der System-Gedanke stand noch gar nicht an, aber intern wurde diese Idee vorausschauend entwickelt. Durch diesen Antrieb entwickelte sich VARIO zu einem innovativen Unternehmen, das als erstes ein Baukasten-Programm vorstellte, und nicht nur das. Die erste Kunststoff-Schublade wurde von VARIO entwickelt, man hatte noch keine Vorstellung, wie man ein so großes Kunststoff-Bauteil eigentlich herstellt und beherrscht, VARIO schaffte das.

Sie kamen 1976 als Ingenieur ins Unternehmen, wofür waren Sie verantwortlich?

Für die Entwicklung neuer Produkte: Schreibtische, Schränke, Schranksysteme. Industrieller Innenausbau war damals noch geplant. Ich habe sehr viele kundenbezogene Lösungen mitentwickelt und kannte viele Kunden persönlich. Die Veränderung setzte so ab Mitte der Neunzigerjahre ein. Bis dahin suchten die Kunden engen Kontakt, ich war viel mit in den Unternehmen und hatte stets einen guten Überblick, was gewünscht wird. Bei den Auftrags-Eingängen lagen etwa 40 Prozent Bestellungen von Stammkunden vor, der Rest wurde mit Möbeln für den Fachhandel abgedeckt, ein ganz kleiner Teil waren Sonderanfertigungen. Heute ist es umgekehrt.


Den Namen VARIO wählte man in den Fünfzigerjahren für wandelbare, veränderliche Variationsmöglichkeiten. Setzte damit gleichzeitig auch die Standardisierung von Maßen und Größen ein, wie man sie auch heute kennt?

Man war damals der Zeit voraus und hatte eine Vision, die Kunden wie Fachhändler zugute kam, und die, nicht zu vergessen, Ruhe in den Produktionsablauf brachte. Man wollte weg von dem Ablauf: ein Kunde definiert, bestellt und VARIO baut. Nun konnte man aus den produzierten Einzelteilen vor Ort für den Kunden eine Lösung zusammenbauen. Standardisierung war dafür natürlich nötig.


Gehörte zu dieser ersten Generation bereits die Kunststoff-Schublade?

Das war dann später. Die Kunststoff-Schublade dürfte so 1966 oder 1967 gewesen sein. Bis dahin hatte man noch Holz-Schubladen hergestellt.

Gingen neue Produktentwicklungen generell einher mit der Weiterentwicklung von neuen Materialien und vor allem Kunststoffen?

Ja, schon sehr stark. Es war die Zeit, in der sich die Spanplatte etablierte. Es war die Zeit neuer Werkstoffe wie Kunststoffe, die kannte man nur für kleine Bauteile wie Kämme oder Knöpfe, und daraus so etwas Großes wie eine Schublade zu produzieren, wurde lange Zeit angezweifelt. Die Schubladen oder andere Halbfertigprodukte zuzukaufen, hatte gleichsam Auswirkungen auf Kostenrechnung, ein ganz eigenes Thema, aber damals wirkte die Steuerpolitik in die Produktentwicklung. Bis dahin wurden die Holzschubladen selber im Haus produziert, die Fertigungstiefe war sehr groß. Diesen Kurs änderte man erstmals. In der Möbelindustrie wurde ja noch sehr viel mit Furnieren gearbeitet, VARIO beziehungsweise Dichmann betrieb auf dem Gelände zum Beispiel auch sein eigenes Furnierwerk. Alle Oberflächen hatte Furnier, die Schreibtischplatten Linoleumbelag, das war Standard. Ausnahme war der Chef, der eine Edelholzplatte bekam aus Nussbaum, Palisander oder Eiche, die lackiert wurde. Resopal kam dann in den Sechzigerjahren auf.

Schubladen-Einlagen, Schränke mit variablen Ablagen – wie stark wirkte die Idee des besseren Organisierens und Ordnens in die Weiterentwicklung? Und damit ja auch die Idee der leistungssteigernden Funktion von Büromöbeln?

Wenn Sie so wollen kam der Gedanke bei VARIO aus der Entwicklung der Büro-Möbel, wurde dann aber zu einem Verkaufs-Argument. Das heißt, die Verkäufer gingen zum Kunden und sprachen vom Mehrwert. An allererster Stelle stand natürlich der Baukasten-Gedanken, der nachträgliche Änderungen des Mobiliars erlaubt. Aber an zweiter Stelle folgten ganz andere Argumente, und in den Einkaufsabteilungen der Unternehmen saßen Fachleute, Möbel-Einkäufer, die etwa gelernte Tischler waren mit Interesse an den Details. Wieviel Kugeln hat das Kugellager? Welche Last trägt eine Schublade, was packt man da rein? Eine Karteischublade zum Beispiel hat wirklich etwas gewogen. Allein die unterschiedlichen Karteiformate waren eine Wissenschaft für sich, man konnte nun dem Kunden zeigen, dass man für alles eine Lösung hat, die sich auch wieder verändern lässt und die nur auf einer Schublade basiert und nicht wie früher auf mehreren. 

Abbildungen: Schreibtische, Theken-Schränke, Hängeregistraturen aus dem Jahr 1972, Prospektmaterial Modell VARIO-contact in Islandgrün. Die Kunststoffschublade mit Materialablage war eine Weltneuheit von VARIO. Die flexiblen Innenablagen der Schränke ließen sich auf alle Bedürfnisse anpassen.     

 

Das erste Baukasten-System-Möbel wurde in Ordner-Größe gedacht, Karteikästen gibt es kaum noch, aber die Ordner-Höhe hat sich als Maß bis heute gehalten.

Ja, und 2004 haben wir nochmal optimiert. Es kamen ja immer wieder neue und nachgebesserte Verordnungen, irgendwann gab es die Flächen-Norm, das heißt für jeden Mitarbeiter musste zwischen Tischkante und Wand ein Meter Platz gehalten werden, um den Stuhl zu rücken. Bei Publikumsverkehr kommt weitere Fläche dazu. Kurzum: nach der Jahrtausendwende hatten wir die VARIO-Schranksysteme dann nochmal verfeinert. Zum Beispiel wurde der Querrolladenschrank, eine bewährte und bevorzugte Schrankvariante, durch neue Auslegung um das Modell M4 erweitert – zum Vorteil des Flächenbedarfs beim Kunden, weil dieser Schrank bei der Planung mit einem geringeren Verkehrsflächen-Bedarf berücksichtigt wird. Vorhandende Büroflächen lassen sich so besser ausnutzen.

Ab 1968 spielte Design eine zunehmende Rolle, bis dahin kann man mit Fug und Recht behaupten, das Baukasten-System war umfänglich alles, was an modernen neuen Industrie-Halbfabrikaten der Stand der Technik war: Spanplatte, Direktbeschichtung mit Melanin und als Leimverbundplatte zum Beispiel mit Resopal. Das variierte im Laufe der Zeit mit der technischen Entwicklung der Holzbearbeitungsmaschinen und ermöglichte, die Kunststoffkanten zu verbessern und dickere Platten anzufahren. Das Thema Design und Ergonomie wurde dann ab den Siebzigerjahren sehr einflussreich. Wir haben zum Beispiel Vorderfronten mit Weichschaum belegt, so dass man, wenn man mit den Knien dranstieß, sich nicht verletzen konnte, heute undenkbar. Aber damals hat man sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, und die Kunden haben einem tatsächlich zugehört, wenn man ihnen das vorführte. Was ich dann später sehr vermisst habe. Der ergonomische Anspruch erlangte seinen ersten Gipfel als die ersten IBM-Rechner aufkamen, die man sich auf den Schreibtisch stellte. Das waren Kästen, wie Fernseher mit tiefen Röhren, sagenhaft teuer, die Tastatur hatte eine enorme Bauhöhe wie ein Ziegelstein hoch.

Bild: Drehteller für Monitore aus den Siebzigerjahren


Mit den Geräten hat man sich intensiv beschäftigt: Wie ist der richtige Augenabstand? Wie die richtige Augenhöhe zum Bildschirm? Wie sorgt man dafür, dass sich die Hand nicht verkrampft? Also wurde eine Ballenauflage geschaffen. Wer damals in Unternehmen daran arbeitete, hat vor allem Logistik oder Buchhaltung gemacht, Briefe wurden noch nicht geschrieben, aber man saß schon Stunden vorm Rechner. Das war zwar nur ein kleiner Teil der Belegschaft, aber für diese Bildschirmarbeitsplätze wurden die ersten höhenverstellbaren Schreibtische und ein Spezial-Möbelprogramm geschaffen.


Als Sie im Jahr 1976 zu VARIO kamen, stießen sie genau in diese Entwicklung. Woran haben Sie gearbeitet?

Ich kam da genau rein. Bei VOKO, für die ich bis 1976 arbeitete, hatte ich die Anfänge miterlebt, bei VARIO setzte sich das fort. Wir haben an soviel gearbeitet und Vieles erfunden. Was herausstach? Zum Beispiel ein Drehteller für Monitore. Angenommen an einem Vierer-Block saßen vier Mitarbeiter an zwei Plätzen nebeneinander und zwei gegenüber, in die Mitte stellte man nun eine Drehstation mit einem Bildschirm. Wenn einer fertig war, wurde der Bildschirm weitergedreht, die Geräte waren ja sehr teuer und man erledigte daran nur Spezialaufgaben. Eine Welt, die man sich so heute kaum noch vorstellen kann. Heute hat das in dieser Form auch keine Gültigkeit mehr.

 

SIEGFRIED KRÄTSCHMER, Jahrgang 1941, arbeitete von 1976 bis 2011 als Ingenieur in der VARIO-Produktentwicklung.

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